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(05.08.2021) Wer das Rennen von Florian Wellbrock über die 10km in der vergangenen Nacht verfolgt hat, konnte zwischendurch auf den Gedanken kommen, dass wir uns irgendwie im Datum vertan haben, und ein Junioren-Rennen schauen, in das sich ein Erwachsener geschlichen hat. Scheinbar mühelos dominierte der Magdeburger die Konkurrenz. Dass wir es tatsächlich mit dem Olympischen Marathon zu tun haben und Wellbrock alles andere als "locker" geschwommen war, wurde aber spätestens im Ziel mehr als deutlich: Nach dem siegreichen Anschlag schleppte sich Wellbrock auf allen Vieren aus dem Wasser. Ausgepowert, schwer atmend und überglücklich. 

„Ich war am Limit", blickte Wellbrock später auf die Schlussphase des Rennens zurück, das er mit satten 25 Sekunden Vorsprung gewann. "Ich wollte es nur noch ins Ziel bringen.“

Unser Vergleich mit den Junioren zum Einstieg ist nicht despektierlich den anderen Schwimmern gegenüber zu sehen, sondern soll die beeindruckende Vorstellung Wellbrocks unterstreichen. Denn auch seine Gegner mussten heute eingestehen, dass er einfach eine Klasse für sich war.  "Florian ist heute geschwommen wie von einem anderen Stern", sagte so auch der Italiener Gregorio Paltrinieri, der als Titelverteidiger gestartet war, sich aber mit Bronze zufrieden geben musste.

Dass er derart überlegen war, erstaunte Wellbrock während des Rennens selbst. Von Beginn an ging der 23-Jährige vorn weg, meinte aber später, dass er auf den ersten Kilometern noch gar nicht richtig ernst gemacht habe. „Ich habe tatsächlich am Anfang Energie gespart", erklärte Wellbrock bei den Kollegen vor Ort. „Ich bin in der ersten Runde um die Boje rum, habe mich umgeschaut und dachte: ‚Jungs, wollt ihr heute keinen Wettkampf schwimmen?‘" Er habe gehofft, dass die Konkurrenten etwas mehr mit den hohen Wassertemperaturen zu kämpfen haben würden als er. Ein Plan, der voll aufging.

Wellbrocks Art zu schwimmen, mit langen Zügen, hoher Wasserlage und einer unglaublichen Effizienz, kam ihm heute auch im Freiwasser zu Gute. In der ruhigen Bucht von Tokio hätten - abgesehen von der hohen Temperatur und Luftfeuchtigkeit - beinahe Beckenbedingungen geherrscht, erklärte der Olympiasieger, dessen Auftritt umso beeindruckender wird, bedenkt man, dass er schon vier harte Rennen bei den Pool-Wettbewerben in den Knochen hatte.

In der zurückliegenden Woche musste sich der 1,92m große Ausdauerspezialist zunächst mit Platz vier über die 800m Freistil zufrieden geben und schwamm dann am Sonntag über die 1500m zu Bronze. Jeweils auf der letzten Bahn wurde er dabei noch von Konkurrenten abgefangen. Ein Fehler, den er heute nicht erneut machen wollte und daher von Beginn an alles daran setzte, einen Zielsprint gegen den Rest des Feldes zu vermeiden. "Vielleicht habe ich diesen kleinen Dämpfer über 800m gebraucht, um heute so stark wieder zu kommen", meinte Wellbrock zurückblickend auf seine taktische Meisterleistung, die wir uns hier noch genauer anschauen: OLYMPIASIEGER! Florian Wellbrock schwimmt dominant zu GOLD 

Zwei Medaillen bringt Wellbrock nun von den Olympischen Spielen mit nach Hause. Für den Weltmeister, Europameister und Deutschen Rekordhalter der größte Triumph seiner Karriere. „Wenn ich mir den Verlauf dieser Spiele ansehe, dass ich mich von Rennen zu Rennen gesteigert habe, immer stärker geworden bin... Das gibt so viel Selbstbewusstsein und Motivation für die Zukunft.“ Die Olympischen Spiele in Paris werfen bereits ihre Schatten voraus, doch erstmal soll Wellbrock den Moment genießen, oder wie er selbst es ausdrückte: „Für mich persönlich ist das heute mein Sommermärchen."

Die Links zu den Olympischen Spielen 2021:

Bild groß: picture alliance/dpa | Oliver Weiken / Bilder klein: imago images/Laci Perenyi