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(23.07.2012) Am Freitag werden in London die 30. Olympischen Sommerspiele eröffnet. Bereits tags darauf werden im Aquatic Centre die ersten Medaillen vergeben. Wir schauen in unserem Olympia-Ausblick in den kommenden Tagen auf die möglichen Highlights der Schwimmwettbewerbe. Den Auftakt macht Paul Biedermann, der in London die Chance auf sein erstes olympisches Edelmetall hat.


Paul Biedermann ist dreifacher Weltmeister, aktueller Weltrekordhalter und hat elf EM-Titel auf dem Konto. Um jedoch endgültig den Aufstieg zum internationalen Superstar zu schaffen, fehlt dem Hallenser noch olympisches Edelmetall. Seine Chancen, in London auf das Podium zu schwimmen, stehen nicht schlecht. Über die 200 und 400m Freistil zählt er zum engeren Kreis der Medaillenfavoriten. Sein persönliches Ziel ist es, besser abzuschneiden als in Peking 2008. Damals kam er im Finale über die 200m Freistil auf Rang fünf. "Aber wer nimmt sich schon Platz vier zum Ziel", erklärte Biedermanns Trainer Frank Embacher zuletzt. Der Blick geht also ganz klar auf die Medaillen.

200m Freistil: "Jeder, der ins Finale kommt, kann Olympiasieger werden"

Die Konkurrenz über Biedermanns Paradestrecken ist jedoch stark wie selten zu vor. Vor allem die Dichte über die 200m Freistil ist beeindruckend. Zuletzt wurde das Finale über diese Strecke bereits zu einem möglichen "Jahrtausendfinale" erklärt. Mit der verpassten Olympia-Quali des einstigen Superstars Ian Thorpe und der freiwilligen Absage von Rekord-Olympiasieger Michael Phelps büßte das Teilnehmerfeld zwar deutlich an Glanz ein. Die Qualität dürfte darunter jedoch kaum gelitten haben. "Jeder der es über die 200m Freistil ins Finale schafft, kann auch Olympiasieger werden", erklärt Paul Biedermann und tatsächlich ist es kaum möglich zu sagen, wer am Ende das Rennen machen wird.

Fünf Superstars kämpfen um Gold

Als vermeintlicher Favorit gilt unter Journalisten, Fans und Buchmachern Ryan Lochte, der sich im vergangenen Jahr nur knapp vor Michael Phelps und Biedermann den WM-Titel über die 200m Freistil sichern konnte und gewohnt locker und leicht in die Wettbewerbe gehen dürfte. Doch die Favoritenrolle hat Lochte nur auf dem Papier. Auf Augenhöhe ist der Franzose Yannick Agnel, der in diesem Jahr bereits Spitzenzeiten am Fließband ablieferte und als Weltranglisten-Erster in die Olympischen Spiele geht. Er verzichtet sogar auf einen Start über die 400m Freistil um sich voll und ganz auf die 200m zu konzentrieren. Die Chance auf den Titel hat auch der Koreaner Tae Hwan Park, der vor vier Jahren hinter Michael Phelps Olympiasilber holte. Erstmals wird auch der chinesische Youngster Sun Yang über die 200m gegen die Weltelite antreten. Bei der WM im vergangenen Jahr hatte er noch auf einen Start verzichtet. In London greift er jedoch nach Gold.

Die "Hinterbänkler" drängen nach vorn

Um sich den Olympiatitel zu sichern dürfte eine Zeit von unter 1:44 Minuten nötig sein. Dies ist Lochte, Sun Yang, Tae Hwan Park, Agnel und auch Biedermann durchaus zuzutrauen. Es ist kaum möglich unter diesen fünf Athleten einen klaren Favoriten auszumachen. Auf dem Zettel haben sollte man im Rennen um die Medaillen außerdem den Russen Danila Izotov, der bei der WM 2009 Bronze geholt hatte und Vize-Weltmeister auf der Kurzbahn ist. Auch Athleten wie der Niederländer Sebastiaan Verschuren oder Lochtes Teamkollege Ricky Berens können an einem guten Tag überraschen. Ähnliches gilt für den Briten Robbie Renwick, der bereits 2008 im Finale von Peking stand und diesmal den Heimvorteil auf seiner Seite hat und den jungen Chinesen Li Yunqi.

Vor dem "Superfinale" stehen die 400m Freistil auf dem Plan

Die 200m Freistil stehen am dritten Tag der Schwimmwettbewerbe in London auf dem Plan. Bis dahin dürfte Biedermann bereits ein gehöriges Programm auf dem Buckel haben. Direkt zum Auftakt muss er am Samstag im Vorlauf und Finale über die 400m Freistil ran. Tags darauf geht es bereits in Vorlauf und Halbfinale über die 200m Freistil um den Einzug in den am Montag stattfindenden Endlauf, dem fünften Rennen innerhalb von drei Tagen. Angesichts dieses Programms ist es durchaus verständlich, dass Yannick Agnel auf seinen Start über die 400m Freistil verzichtet, obwohl er hier zu den Medaillenkandidaten gezählt hätte. Er ist jedoch der einzige unter den Titelanwärter über die 200m, der am Samstag frei hat. Während Sun Yang und Tae Hwan Park wie Biedermann auch über die 400m Freistil an den Start gehen, muss Ryan Lochte über die 400m Lagen ran und bekommt es hier unter anderem mit Michael Phelps zu tun.

400m Freistil: Sun Yang und Tae Hwan Park eine Liga für sich

Über die 200m Freistil hat Biedermann somit die Chance auf den Titel, könnte aber auch ganz leer ausgehen. Etwas anders stellt sich das Bild über die doppelte Distanz dar. Hier ist für den 25-Jährigen die Chance auf Edelmetall vielleicht sogar höher einzuschätzen. Die Goldmedaille dürften jedoch seine asiatischen Konkurrenten unter sich ausmachen. Tae Hwan Park und Sun Yang konnten in den vergangenen beiden Jahren mit Zeiten glänzen, die deutlich schneller waren, als alles was der Rest der Welt zeigen konnte. Sun Yang schwamm bei den chinesischen Meisterschaften im Herbst des vergangenen Jahres in 3:40,29 Minuten bereits bis auf 22 Hundertstel an den von Biedermann gehaltenen Weltrekord heran. Auch Tae Hwan Park kündigte an, dass er diese Bestmarke knacken will. Er legte in 3:42,04 Minuten seine bisher stärkste Leistung hin. Biedermann schwamm beim Gewinn der Bronzemedaille bei der WM 2011 in 3:44,14 Minuten mehr als zwei Sekunden langsamer.

Der vierfache Weltrekordhalter zählt jedoch als erste Kandidat, wenn es um den dritten Platz hinter den beiden Asiaten geht. Doch Biedermann darf sich keine Schwäche erlauben. Hinter ihm lauert mehr als ein halbes Dutzend Athleten, die auf einen Ausrutscher der Favoriten lauern. Sowohl den Tunesier Ossama Mellouli, US-Boy Peter Vanderkaay, Ryan Cochrane aus Kanada, den Australier Ryan Napoleon sowie Sun Yangs erst 17-jährigen Landsmann Hao Yun sollte man beim Blick auf die Medaillenkandidaten auf dem Zettel haben.

Volles Programm: Sieben Rennen in vier Tagen

Ein Punkt, der für Athleten wie Biedermann und Agnel sprechen könnte, ist, dass sie im Gegensatz zu ihren Konkurrenten aus der Ferne nicht mit der Zeitumstellung zu kämpfen haben werden. Dieser Punkt ist durchaus nicht zu unterschätzen, da sowohl die 200 als auch die 400m Freistil recht früh im Zeitplan der Schwimmwettbewerbe stehen und der ein oder andere asiatische oder amerikanische Konkurrent hier noch mit der Umgewöhnung Schwierigkeiten haben könnte.

Auch nach dem Finale über die 200m Freistil hat Biedermann noch nicht Pause. Direkt am folgenden Tag wird er in der 4x200m Freistilstaffel gefordert sein. Das deutsche Team hat Außenseiterchancen auf Edelmetall, doch dazu muss Leader Biedermann das DSV-Quartett mit einer Bombenleistung auf die Reise bringen. Somit stehen für Biedermann insgesamt sechs oder sieben Rennen an vier Tagen auf dem Plan. Eine der wichtigsten Fragen ist somit, wie er mit dieser Belastung zurecht kommen wird. Letztlich hat er die realistische Chance auf zwei Olympiamedaillen und vielleicht eine Überraschung mit der Staffel. Es ist allerdings auch gut möglich, dass der Hallenser trotz starker Leistungen mit leeren Händen nach Hause fährt. Biedermanns gewohnte Formkurve, die in den vergangenen Jahren stets genau dann, wenn es drauf ankam, ihren Höhepunkt erreichte, dürfte die deutschen Schwimmfans jedoch optimistisch nach London blicken lassen.

Biedermanns Zeitplan in London:

28.07.: 400m Freistil Vorlauf / 400m Freistil Finale
29.07.: 200m Freistil Vorlauf / 200m Freistil Halbfinale
30.07.: 200m Freistil Finale
31.07.: (4x200m Freistil Vorlauf) / 4x200m Freistil Finale