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(02.08.2021) Fünf Goldmedaillen fischte Caeleb Dressel in Tokio aus dem Becken. So viele, wie niemand sonst bei den Olympischen Spielen 2021. Wer nun aber denkt, dass der 24-Jährige jetzt vor Freude im Dreieck durchs Olympische Dorf springt, der wurde auf der Pressekonferenz zum Abschluss der Beckenevents am Sonntag eines Besseren belehrt.  Zufrieden aber sichtlich ausgepowert saß der US-Star auf seinem Stuhl. Und irgendwie erleichtert, dass alles endlich vorbei ist.

"Ich weiß gar nicht wie spät es ist. Oder welcher Tag heute überhaupt ist", sagte Dressel und man wusste nicht so ganz ob er das nun scherzhaft oder doch im Ernst meinte. Die aufreibenden Olympiatage haben ihn einiges an Nerven gekostet.

Wie groß der Druck war, konnte man nach dem Finale über die 100m Freistil sehen. Mit letzter Kraft hatte Dressel sich ins Ziel gerettet und Gold gegen den heraneilenden Titelverteidiger Kyle Chalmers gesichert. Auf den letzten 15m hatte Dressel einfach den Kopf nach unten genommen, die Zähne zusammen gebissen und gar nicht mehr geatmet. Es war sein erster Einzelsieg bei Olympischen Spielen. Mit Tränen in den Augen saß der US-Star anschließend auf der Leine und ließ auch bei der Siegerehrung seinen Emotionen freien Lauf.

"Der Druck bei den Olympischen Spielen ist anders", meinte Dressel zurückblickend. "Es ist etwas Besonderes, wenn ein Event nur alle vier Jahre stattfindet und man sich die ganze Zeit vorbereitet, um im richtigen Moment perfekt zu sein. Und diesmal waren es ja sogar fünf Jahre", erzählte er und fügte hinzu: "Dein ganzes Leben reduziert sich auf diese 20 oder 40 Sekunden, die das Rennen dauert. Das ist doch verrückt, oder? Solche Gedanken mache ich mir während des Wettkampfes nicht, aber jetzt, zurückblickend... Das ist doch Furcht einflößend."

Die Erwartungen an den 24-Jährigen bei seinen zweiten Olympischen Spielen waren enorm. Bei allen Starts war er der Top-Favorit und alles andere als Gold wäre eine Niederlage gewesen. Besonders brutal war der vorletzte Tag der Spiele für Dressel. Zum Auftakt des Finalabschnitts standen für ihn die 100m Schmetterling auf dem Programm. Trotz Patzern bei Wende und Anschlag stellte er einen neuen Weltrekord auf, musste sich aber erneut gegen einen starken Widersacher verteidigen. Diesmal hätte ihn der Ungar Kristof Milak beinahe abgefangen. Doch Dressel triumphierte und war kurz darauf im 50m-Halbfinale direkt wieder gefordert. Auch hier hielt er sich schadlos und ging anschließend direkt zum Ausschwimmen. Denn nur rund 20 Minuten später stand er als Teil der gemischten 4x100m Lagenstaffel erneut auf dem Block. Es war der einzige Start in Tokio, bei dem Dressel ohne Medaille blieb. Nicht, weil er seine Leistung nicht abgerufen hatte, sondern weil die Coaches sich bei der Staffelaufstellung verspekulierten. 

In jedem seiner Rennen in Tokio sorgte Dressel für Weltklassevorstellungen, so auch bei Gold über die 50m Freistil und mit den Staffeln über die 4x100m Freistil und 4x100m Lagen der Herren. Er selbst bezeichnete die Erfahrung bei den Spielen in Japan als "fantastisch" und dass er nicht das kleinste Detail ändern würde, müsste er es nochmal machen. "Ich habe mein Potential bei diesen Spielen abgerufen", konstatierte er und hatte damit absolut recht.

Manch einer hätte ihn sogar noch gern in der 4x200m Freistilstaffel gesehen. Die USA blieben hier erstmals seit 113 Jahren ohne Medaille und mit Dressel hätte man wohl tatsächlich die Chance auf einen Podestplatz gehabt. Doch bei allem Teamgeist, den der 16-fache Weltmeister normalerweise an den Tag legt: Er dürfte froh darüber sein, dass ihm ein weiterer Start in Tokio erspart blieb.

Schaut man nun in Dressels Wettkampfkalender, dann bleibt ihm eigentlich gar nicht viel Zeit zum Verschnaufen. Schon Ende August beginnt die International Swimming League, in der Dressel für die Titelverteidiger von den Cali Condors auf den Block steigen soll. Ob er tatsächlich direkt zum Beginn der Wettkämpfe dabei sein wird, bleibt abzuwarten. Erschöpft kündigte Dressel an: "Ich werde eine kleine Pause machen. Ich habe erstmal genug vom Schwimmen."

Die Links zu den Olympischen Spielen 2021:

Bild: IMAGO / ITAR-TASS