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(16.04.2011) Nachdem der internationale Druck auf den Weltverband immer größer wurde, hat die FINA nun doch den Untersuchungsbericht zum Tod des Freiwasser-Schwimmers Francis Crippen veröffentlicht. Zuvor hatten die Verantwortlichen die Resultate der eigens eingesetzten, weitgehend unabhängigen Task Force mit der Aufforderung zur Überarbeitung an diese zurückgeschickt. Beim Lesen des nun veröffentlichten Berichts wird klar, wieso die FINA-Obersten so handelten. Es wird darin deutlich, dass der Tod Crippens kein schlichtes Zusammenkommen unglücklicher Umstände sondern ein Resultat der mangelnden Sicherheitsbestimmungen, der unzureichenden Umsetzung der Regularien und des Versagens der Verantwortlichen vor Ort war.

 

“Die Kombination aus der hohen körperlichen Belastung, hoher Wasser- und Lufttemperatur sowie Dehydrierung dürften die wahrscheinlichsten Gründe dafür sein, dass Francis Crippen im Wasser zusehends an Bewusstsein verlor, was zur Ohnmacht und letztlich dem Ertrinken führte”, heißt es im Bericht der Untersuchungskommission zum Tod von Francis Crippen am 23. Oktober 2010 beim 10km-Weltcup in Fudschaira. Laut FINA betrug die Lufttemperatur zur Zeit des Rennens 35°C. Die offizielle Wassertemperatur wurde auf 29°C beziffert, doch aufgrund der Aussagen der Athleten und Messungen von Trainern vor Ort schätzt die Untersuchungskommission die Temperatur deutlich höher ein. Soviel zur Todesursache. Das Hauptaugenmerk des Berichts liegt jedoch auf der Frage, wie es dazu kommen konnte, dass ein Topathlet bei einem Weltcup-Rennen untergeht, ohne dass dies einem der Verantwortlichen vor Ort auffällt.

Drei Athleten im Krankenhaus behandelt

Besonders tragisch lesen sich in diesem Zusammenhang die von der Kommission aufgeschlüsselten Abläufe am Unglückstag. Bereits während des Rennens sei Mitschwimmern wie dem bulgarischen WM-Dritten Petar Stoychev aufgefallen, dass Fran Crippen ungewöhnlich weit hinten schwamm. Nach der ersten Runde des Kurses hatte sich der US-Athlet wohl noch in der Mitte der Führungsgruppe aufgehalten. Nach der zweiten und dritten Runde lag er breits nur noch am Ende. Bei der Marke von acht Kilometern erklärte Crippen seinem Betreuer, er sei durstig. Kurz darauf sei er immer langsamer geworden. Aufgrund der FINA-Regularien musste Crippen das Rennen beenden, um im Weltcup-Gesamtklassement platziert zu sein. Möglicherweise dachte er aus diesem Grund nicht daran aufzugeben. Der damals 26-Jährige war nicht der einzige, der mit den Bedingungen zu kämpfen hatte. Weltmeisterin Eva Fabian, der Brasilianer Alan do Carmo und die WM-Vierte Christine Jennings mussten später im Krankenhaus behandelt werden. Jennings berichtete nach dem Wetcup, dass sie sich während des Rennens auf den Rücken gedreht und nach Hilfe gewunken habe, ohne dass dies bemerkt worden wäre.

Verantwortliche hatten Situation nicht unter Kontrolle

Um 11:54 Uhr erreichte Thomas Lurz als Führender das Ziel. Gegen 12:10 Uhr bemerkte US-Schwimmer Alex Meyers, dass Fran Crippen im Zielbereich nicht aufzufinden war und erkundigte sich zunächst, ob sein Teamkollege aufgegeben hatte oder disqualifiziert worden war. Da dies nicht der Fall war, machten sich kurz darauf zunächst er und später etliche weitere Schwimmer und Trainer im Wasser auf die Suche nach Crippen. Die Verantwortlichen vor Ort sollen zu diesem Zeitpunkt noch davon ausgegangen sein, dass Crippen sich auf eigene Faust ins örtliche Krankenhaus begeben habe. Erst über eine Stunde nachdem das Fehlen von Crippen bemerkt wurde, trafen die Boote der Küstenwache ein und begannen mit einer koordinierten Suche. Um 13:55 wurde der leblose Körper von Francis Crippen geborgen, mehr als zwei Stunden nachdem Thomas Lurz als Erster das Rennen beendet hatte. Schwere Vorwürfe werden in diesem Zusammenhang gegen den Technischen Deligierten der FINA, Valerijus Belovas, laut. Der Mann aus Litauen habe die Situation nicht unter Kontrolle gehabt und in dem aufkommenden Chaos das Heft nicht in die Hand genommen. Stattdessen habe er einfach alles um sich herum geschehen lassen.

Zwei Jetskis sollten 77 Sportler überwachen

Dem mittlerweile entlassenen Technischen Deligierten, der für die Einhaltung der FINA-Regularien vor Ort verantwortlich war, werden in dem Bericht auch weitere Vorwürfe gemacht. “Der Technische Deligierte hat die geforderten Pflichten nicht vollständig wahrgenommen”, heißt es in dem Bericht. Statt selbst die Vorkehrungen und Regelkonformität zu überprüfen, habe er sich auf die Gastgeber des Schwimmverbandes der Vereinigten Arabischen Emirate verlassen. Belovas war kurzfristig an Stelle des Briten Samuel Greetham als Verantwortlicher für den Weltcup eingesprungen. Bei der Befragung der Verantwortlichen vor Ort gab es vor allem in Bezug auf die Anzahl der eingesetzten Rettungsschwimmer und Begleitfahrzeuge Widersprüche. Die Kommission kommt letztlich zu dem Schluss, dass zur Überwachung der 77 Schwimmer lediglich zwei Jetskis im Einsatz waren. Die beiden Stationen der Rettungsschwimmer waren im Zielbereich an Land, nur etwa 100m weit auseinander und wohl nicht mit Ferngläsern ausgerüstet. Der Sicherheitsverantwortliche des Wettkampfes hatte allem Anschein nach keinen Plan der eingesetzten Rettungsschwimmer und wer von diesen für welchen Streckenbereich zuständig war. Auf den Versorgungsstationen und an den Wendepunkten waren keine Rettungsschwimmer eingesetzt. Die lokale Küstenwache war zwar ebenfalls vor Ort, hatte jedoch nicht den Auftrag auf die Schwimmer zu achten, sondern sollte lediglich Boote von der Wettkampfstrecke fern halten. Der Chef-Schiedsrichter Abdulla Mubarak Al-Zahmi erfüllte an jenem Tag gleich drei verschiedene Funktionen.

Fudschaira erst kurzfristig als Wettkampfort bestimmt

Dabei war ursprünglich gar nicht geplant, das Rennen in Fudschaira zu veranstalten. Anfangs war Dubai als Austragungsort vorgesehen. Doch aufgrund der finanziellen Schwierigkeiten, die das Emirat auch zur Rückgabe der Schwimm-WM 2013 zwangen, gab man den 10km-Weltcup zunächst an Abu Dhabi und später an Sharjah weiter, wo bereits 2009 ein Weltcup-Rennen stattfand. Wenige Tage vor dem Rennen dann erklärte der Kronprinz des Emirats Fudschaira, sein Interesse den Weltcup in der neugebauten “Bananen-Lagune” austragen lassen zu wollen. Erst am 21. Oktober, nicht einmal zwei Tage vor dem Rennen, wurde die FINA über diesen Ortswechsel informiert. Die Regularien des Weltcups sehen vor, dass Wettkampfstrecken durch den Weltverband drei Monate vor dem Renntag abgenommen werden müssen. Es liest sich schon makaber, dass man der neuen Strecke jedoch zustimmte, da sie innerhalb einer Bucht lag und damit besser zu überwachen war.

Sicherheit kommt im Freiwasser-Schwimmen zu kurz

Die Kommission kommt jedoch zu dem Ergebniss, dass nicht nur das Versagen der Verantwortlichen vor Ort Mitschuld am Schicksal von Francis Crippen war. Der Bericht bemängelte auch die Bestimmungen der FINA für Freiwasserrennen insgesamt. Vor allem die Aspekte der Sicherheit der Athleten würden darin zu wenig berücksichtig. „Es bedarf einer organisatorischen Verpflichtung, die Sicherheit der Athleten als oberste Priorität zu erachten“, heißt es in dem Bericht. „Diese Verpflichtung muss bei der FINA-Leitung beginnen.“ Der 78-seitige Bericht kritisiert, dass für Freiwasser-Veranstaltungen weder die Erstellung eines medizinischen Notfallplans noch eines Sicherheitsplans vorgesehen sind. Auch weitere Vorschriften werden vermisst. So gibt es in den Regeln keine Vorschriften, welche Qualifikationen die Sicherheitsbeauftragten eines Freiwasserrennens haben müssen oder welches Maximum Luft- und Wassertemperaturen haben dürfen. Die Kommission rät daher dringend an, hier verbindliche und vor allem unmissverständliche Bestimmungen zu treffen. „Das Ziel ist, die Risiken auf ein Minimum zu reduzieren.“

Nicht nur, dass die bereits bestehenden Regeln im Hinblick auf die Sicherheit im Freiwasserschwimmen ohnehin schon unzureichend sind. Sie wurden beim Rennen in Fudschaira auch mangelhaft umgesetzt. Der Technische Deligierte nahm seine Pflichten nicht wahr. Die Überwachung des Schwimmer wurde vernachlässigt. Mit Blick auf die Ergebnisse der Untersuchungskommission wird klar, warum der Weltverband FINA den Bericht in dieser Form zunächst nicht veröffentlichen wollte und eine Überarbeitung forderte. Erst auf massiven internationalen Druck hin und nach öffentlichen Vorwürfen die Angelegenheit “verschleppen” zu wollen,  sah sich die FINA gezwungen zu reagieren.