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(23.07.2009) Mit Weltrekordlerin Britta Steffen und Europarekordler Paul Biedermann hat der Deutsche Schwimm-Verband zwei heiße Eisen im Feuer, wenn es bei den Weltmeisterschaften in Rom ab Sonntag um die Medaillen im Becken geht. Doch wie stehen die Chancen der weiteren Einzel-Starter? (Die Staffeln werden später noch einmal genauer betrachtet.) Über allem schwebt dabei auch hier die unleidliche Anzugfrage

Vier Medaillen hat DSV-Sportdirektor Lutz Buschkow als Ziel für die deutschen Beckenschwimmer ausgegeben. Nachdem die Zielstellungen schon bei den Freiwasserschwimmern (vier Medaillen) und bei den Wasserspringern (drei Medaillen) wohl nicht eingehalten werden können, soll es wenigstens im 50-Meter-Becken klappen. Mit Britta Steffen hat der DSV dabei eine Titelfavoritin in seinen Reihen. Nach ihrem Weltrekord von 52,56 Sekunden bei den Deutschen Meisterschaften über 100 Meter Freistil ist sie die heißeste Anwärterin auf den Titel. Zumal ihre schärfste Konkurrentin und einzige weitere Schwimmerin die es je unter die 53-Sekunden-Marke geschafft hat, Lisbeth Trickett, angekündigt hat, nicht in einem der neusten Hightech-Anzüge sondern ihrem gewohnten LZR Racer von Speedo zu starten. Auch die Niederländerin Marleen Veldhuis ist eine Anwärterin auf den Titel über die 100 Meter Freistil. Sie wird jedoch eher über die kurze Freistilsprintstrecke ein lautes Wort um Gold mitreden, schwamm sie doch im April einen Jaked01 tragend in 23,96 Sekunden Weltrekord. Auch Britta Steffen, immerhin Olympiasiegerin über diese Strecke, hat hier Medaillenchancen, doch die Dichte an Kandidatinnen um Dara Torres, Therese Alshammer oder natürlich Libby Trickett ist sehr hoch.
Bei den Männern dürfte natürlich Paul Biedermann die größten Chancen auf Edelmetall haben. Mit seiner 1:44,71 über 200 Meter Freistil ist er der zweitschnellste noch Aktive über diese Strecke, nur Michael Phelps war schneller. Vielleicht kann Biedermann, der bei der WM mit dem Arena X-Glide erstmals in einem der Hightech-Anzüge antreten wird, dem Rekordolympioniken, der wohl im LZR Racer schwimmen wird, über diese Strecke das Leben schwer machen. Auch der zweite Amerikaner, Dave Walters wird ein Wörtchen um die Medaillen mitreden ebenso wie unter anderem Lin Zhang aus China. Für Biedermann sollte nach den Leistungen von Berlin jedoch Edelmetall durchaus machbar sein.

Weitere Medaillen durch die Rückenschwimmer?

Eine weitere Medaillenchance im deutschen Team dürfte Daniela Samulki haben. Mit ihrem “Weltrekord” über 50 Meter Rücken ist sie trotzdem nur zweitschnellste über diese Strecke. Die Russin Anastasia Zueva war in 27,47 Sekunden zwar ca. anderthalb Zehntel schneller, die Zeit wurde von der FINA auf Grund des Anzuges jedoch nicht anerkannt.  Die Starterinnen aus China und Japan sowie die Australierin Sophie Edington könnten Samulski die Medaille ebenfalls strittig machen.
Auch bei den Männern könnte die kurze Rückenstrecke für deutsches Edelmetall sorgen. Helge Meeuw und Thomas Rupprath müssen sich hier gegen die starken Japaner, Spanier oder auch den Britten Liam Tancock behaupten. Weitere Kandidaten auf die Medaille dürften auch die Starter aus den USA sein. Diese zeigen sich über die 50 Meter-Distanzen meist nur bei größeren Wettkämpfen, haben in diesem Jahr hier noch so gut wie gar keine Zeiten zu Buche stehen. Insgesamt kommt über die 50 Rücken ein gutes Dutzend Starter für die Medaillen in Frage. Anders sieht es schon über die doppelte Strecke aus. Hier wird wohl kein Weg an Aaron Peirsol, Ryosuke Irie und Arschwin Wildeboer Faber vorbeiführen. Sollte jedoch einer dieser Drei schwächeln, stehen mit Meeuw, Nick Thoman (USA) und einigen anderen, noch weitere Medaillenkandidaten bereit.

Nach den Rekorden bei der DM: Was können die Brustschwimmer?

Chancen dürfen sich auch die deutschen Brustschwimmer ausrechnen. Nach der Pulverisierungen des Deutschen Rekordes bei der WM-Qualifikation in Berlin könnte Marco Koch über die 200 Meter für eine Überraschung sorgen. Die Leistungsdichte in der Weltspitze ist hier sehr dicht und nachdem Ausnahmebrustler Kosuke Kitajima bei der WM nicht startet, wird aus den etwa zehn Kandidaten ein Nachfolger für ihn gesucht. Nach seinem beeindruckenden Auftritt bei den US-Trials  dürfte Eric Shanteau hier Favorit sein. Auch über die halbe Strecke zählt er zu den Anwärtern auf Edelmetall. Hinter seinem Landsmann Mark Gangloff und dem Brasilianer Henrique Barbossa wird es ein enger Kampf um den dritten Platz auf dem Podium. Auch Hendrik Feldwehr hat hier Außenseiterchancen. Schwerer wird es schon über die 50 Meter Brust. Feldwehr und Johannes Neumann müssen hier in dem sehr engen Feld hinter den auf dieser Lage herausragenden Brasilianern mit Finalteilnahmen zufrieden sein.

Was ist für den Rest drin?

Mit Jan Wolfgarten hat der DSV über die 800 Meter Freistil noch ein Eisen im Feuer. Wenn die Konkurrenz mitspielt, kann auch er bei der Medaillenvergabe ein Wörtchen mitreden. Doch gerade auf dieser langen Distanz kann viel passieren, die falsche Renneinteilung und alles ist hin.
Für Johannes Dietrich, Benjamin Starke und Thomas Rupprath dürfte über die Schmetterlingsdistanzen der Finaleinzug schon ein großer Erfolg sein, selbst das Erreichen des Halbfinals erfordert bereits vollen Einsatz in den Vorläufen. Auch bei Felix Wolf wird über die 200 Rücken eine Leistungssteigerung nötig sein, um sich einen Finaleinzug zu erschwimmen. Genauso sieht es bei Yannick Lebherz aus.
Bei den Frauen, die gegenüber ihren männlichen Kollegen im DSV-Lager oft die Nase vorn hatten, wird es ebenfalls schwer. Die Brustschwimmerinnen Kerstin Vogel, Caroline Ruhnau und Sarah Poewe werden sich strecken müssen um die Finals zu erreichen. Für die 50 Meter wird hier wohl eine Zeit unter 31 Sekunden, über die 100 eine Zeit unter 1:07 nötig sein. Für Langstreckenspezialistin Isabelle Härle, die sich das Ticket für die WM eher überraschend schnappte, ist schon die Teilnahme an den Weltmeisterschaften ein Erfolg.

Insgesamt ist die Zielvorgabe von Lutz Buschkow durchaus einhaltbar. Mit Steffen, Biedermann, Koch, Samulski sowie möglicherweise Meeuw und Wolfgarten hat der DSV Medaillenkandidaten in seinen Reihen. Doch diese müssen bei der WM ihre Leistungen von Berlin nicht nur bestätigen, sondern noch eine Schippe drauflegen.