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(20.04.2021) Die Olympischen Spiele werfen ihre Schatten voraus und rund um den Globus macht sich die internationale Konkurrenz bereit für den Kampf um die Medaillen. In Deutschland aber steuert der Schwimmsport seit Februar ohne einen für den Leistungssport verantwortlichen Direktor auf Olympia zu. Wenige Tage nach Ende der Qualifikationsphase für die Spiele verstärken die führenden Schwimmtrainer Deutschlands, Beschäftigte des Verbands und auch ehemalige Stars den Druck auf die Verbandsspitze. In einem offenen Brief fordern sie den DSV-Präsidenten Marco Troll dazu auf, schriftlich zu der in vielen Fragen unklaren Situation Stellung zu beziehen.

Vor wenigen Tagen waren sie noch in derselben Schwimmhalle. Die Bundestrainer Bernd Berkhahn und Hannes Vitense, die Athletensprecherin Sarah Köhler und auch der Präsident des Deutschen Schwimm-Verbandes, Marco Troll. Allzu viel zu sagen hatte man sich anscheinend wohl nicht, wie es der nun verfasste offene Brief (siehe unten) an den Verbandspräsidenten erahnen lässt. Unterzeichnet wurde das Schreiben nicht nur von der Bundestrainer-Doppelspitze Berkhahn-Vitense und Sarah Köhler sondern auch von weiteren im Verbandsdienst stehenden Trainern wie dem erfahrenen Magdeburger Coach Norbert Warnatzsch. Auch die ehemaligen Schwimmstars Franziska van Almsick, Britta Steffen und Paul Biedermann unterstützen die Worte. 

Sie wollen Antworten. Auf insgesamt zwölf Fragen, die sich vor allem um die Position des Leistungssportdirektors aber auch die finanzlelle Lage des Verbands drehen. Neu sind die Fragen nicht. Schon vor Wochen hatten sich mehrere Landesverbände und später auch die Bundestrainer mit ähnlichen Anliegen an die Verbandsspitze gewandt. Damals noch in internen Schreiben. Getan hat sich seitdem jedoch nichts. "Ein Gespräch dazu steht weiterhin aus," erklärte Bernd Berkhahn auf der Pressekonferenz vor Beginn des Wettkampfes in Berlin am Wochenende. Indirekt widersprach er damit auch dem DSV-Präsidenten, der bereits zehn Tage zuvor erklärt hatte, man habe sich darüber ausgetauscht und suche nun "nach Lösungen, um gut organisiert und optimal vorbereitet die Olympischen Spiele zu bestreiten". In dem offenen Brief werfen die Schreiber Troll nun wiederum vor, Gesprächstermine ohne plausible Gründe abzusagen und an ihn gerichtete Schreiben unbeantwortet zu lassen.

"Die letzten Wochen und Monate sind geprägt durch eine intransparente und diffuse Kommunikation, die einen Graben zwischen Vorstand und vielen hauptberuflichen Mitarbeiter*innen hat entstehen lassen, der uns bestürzt", erklären die Unterzeichner des offenen Briefes. "Es fällt uns schwer, in Ihrem Krisenmanagement und Ihrer Kommunikation ein strukturiertes und zukunftsweisendes Vorgehen zu erkennen." Drei Monate vor den Olympischen Spielen sehen sie eine Krise zur Unzeit. "Ein solches Ausmaß einer Krise gab es zuvor im DSV noch nicht." 

Ruhigeres Fahrwasser attestierten zuletzt die Präsidenten von mehreren Landesverbanden hingegen der Ära des bisherigen Leistungssportdirektors Thomas Kurschilgen. Von ihm trennte sich der Verband Anfang Februar und seitdem schifft der Tanker DSV wieder durch stürmische Gewässer. Zu den Gründen der "Freistellung" Kurschligens wird mit Verweis auf ein schwebendes Verfahren geschwiegen. Der erfahrene Verbandfunktionär hatte den Leistungssport im DSV zwar mit strikter Hand geführt, galt aber als hoch kompetent. Eine "Rehabilitierung" wie sie Landesverbände und Bundestrainer zuletzt forderten, scheint nach dem Zerwürfnis kaum eine Option, zumindest unter der Führung des aktuellen DSV-Vorstands.

Als Alternative für eine Übergangslösung wurde daher vor anderthalb Wochen der Name des mehrfachen Olympiasiegers Michael Groß ins Gespräch gebracht. Der Unternehmensberater stünde bereit, den Verband zu unterstützen, schreiben Berkhahn, Vitense und Co. Der DSV scheint jedoch weit davon entfernt in dieser Personalie Nägel mit Köpfen zu machen. Stattdessen werde die Entscheidung mit Verweis auf die "weiteren unbenannten Bewerber*innen verschleiert und hinausgezögert was rufschädigend für Herrn Dr. Groß ist und seine Bereitschaft für eine Zusammenarbeit mit dem DSV für immer verschließen könnte."

Gegenüber dem ARD-Hörfunk erklärte Troll am Wochenende zu einer möglichen Zusammenarbeit mit Groß: "Ich hatte schon zwei Gespräche mit Michael Groß, aber nicht nur mit ihm, sondern mit anderen auch." Laut SID solle das bei einer Präsidiumssitzung in dieser Woche diskutiert werden.

Zudem beschäftigt die Unterzeichner, zu denen auch der Betriebsrat des Verbandes zählt, eine weitere Frage, die über die Grenzen des Leistungssports hinaus geht: Wie ist es um die finanzielle Situation des Verbands bestellt? Es ist klar, dass die Corona-Pandemie auch in den Verbandskassen des DSV einen deutlichen Einschlag verursacht hat. Der Schwimmsport steht still. Wenn keine Wettkämpfe stattfinden, brauchen Sportler auch keine Lizenzen, mit denen an den DSV fließende Gebühren verbunden sind. Ein Loch im mittleren bis hohen sechsstelligen Bereich dürfte allein dadurch verursacht worden sein. "Wie sieht die aktuelle Finanzsituation im ordentlichen Haushalt des DSV aus?", so auch die Frage im offenen Brief. Die Befürchtung, die zwischen den Zeilen durchklingt: Aufgrund klammer Kassen und eine unklaren Einnahmensituation könnte der Verband die Verlängerung von Arbeitsverträgen, die vor allem im Bereich des Leistungssports meist befristet sind, hinauszögern.

Befürchtungen, die der Präsident zuletzt im Gespräch mit dem Deutschlandfunk nicht gerade besänftigen konnte. Auf die Frage, ob er sich sicher sei, dass anstehende Kosten gedeckt werden könnten, entgegnete er: „Was ist schon sicher in der heutigen Zeit? Man muss jetzt vorsichtig sein mit Aussagen. Wie gesagt, wir stellen sie mal fest, analysieren das Ganze und dann werden wir besprechen auch, wie das Finanzielle weiter gehen soll. Das sind viele Faktoren, die da reinspielen. Eben auch coronabedingt.“

Eine Antwort, die wenig zur Beruhigung der angespannten Situation beigetragen haben dürfte. Ob die Reaktion des DSV-Vorstands auf den nun verfassten öffentlichen Brief die Wogen glätten kann, bleibt abzuwarten. Wenige Wochen vor dem wichtigsten Wettkampf der vergangenen fünf Jahre scheint die internationalen Konkurrenz für den Schwimm-Leistungssport in Deutschland wohl nur der kleinste Gegner zu sein.


Der offene Brief im Wortlaut:

Offener Brief 

an den DSV-Präsidenten und den DSV-Vorstand

Aktuelle Vorkommnisse und Finanzsituation im Deutschen Schwimm-Verband e.V.

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrter Herr Troll,
sehr geehrter Vorstand,

in den zurückliegenden Tagen haben die unterschiedlichsten Medien sehr intensiv und umfangreich über den Deutschen Schwimm-Verband e.V. (DSV) berichtet. Einerseits über die vielen großartigen sportlichen Leistungen der Athlet*innen auf dem Weg zu den Olympischen Spielen in Tokio, ander-seits aber auch über die derzeit bedenklichen Zustände in der Führung des Verbandes.
Die Süddeutsche Zeitung (16.04.2021) spricht in ihrer Subline von einem „überforderten Vorstand“, die Frankfurter Allgemeine Zeitung (16.04.2021) von einer „Selbstzerstörung“ rund um die Olym-piaqualifikation, der Deutschlandfunk (17.04.2021) von einem „desolaten Bild“, welches der Verband derzeit abgibt, und nochmals die Frankfurter Allgemeine Zeitung (19.04.2021) von „tiefen Gräben“, die der Vorstand schafft.

https://www.sueddeutsche.de/sport/schwimmen-vorstand-chaos-michael-gross-1.5266294

https://www.faz.net/aktuell/sport/sportpolitik/deutscher-schwimm-verband-machtkampf-um-leis-tungssport-17295592.html

https://www.deutschlandfunk.de/deutscher-schwimm-verband-ein-desola-tesbild.1346.de.html?dram:article_id=495870

https://zeitung.faz.net/faz/sport/2021-04-19/tiefe-graeben/599495.html?GEPC=s1


Diese Krise zur Unzeit, unter der vor allem wir Trainer*innen, wir Athlet*innen und auch große Teile des hauptamtlichen Personals im DSV leiden, ist durch den Vorstand, durch Sie selbst, verursacht worden. Mit welchem Ziel? Ein solches Ausmaß einer Krise gab es zuvor im DSV noch nicht.

Insbesondere die Vielzahl an entstandenen Problemen lässt viele Fragen aufkommen und, wie auch die Medien feststellen, ist nicht zu erkennen, dass Sie noch „Herr der Lage“ sind und ob Sie sich der Lage überhaupt bewusst sind (Süddeutsche Zeitung, 16.04.2021).

Ihre Glaubwürdigkeit uns gegenüber wird weiterhin nicht von Ihren öffentlich getätigten Aussagen gefördert, wenn Sie beispielsweise behaupten, dass sich Herr Rosenbaum für die falsche
Beratungsleistung „öffentlich entschuldigt“ hat (Deutschlandfunk, 17.04.2021) oder dass Sie Ihrem eigenen Anspruch „Kommunikation ist das A und O“ folgen. Von beidem haben wir bisher nichts mit-bekommen. In Bezug auf die Unternehmensberatung Rosenbaum und Nagy können Sie sich aufgrund ihrer Gesamtverantwortung für den Verband aus unserer Sicht nicht der Prüfung von Vorschlägen und Informationen entziehen und die erfolgte Fehlentscheidung so platt auf Herrn Rosenbaum ab-wälzen.

Wir fragen uns ernsthaft, wie auf dieser Grundlage zukünftig eine Zusammenarbeit und Kommunikation aussehen soll?

Die Medien werfen Fragen auf, erheben starke Vorwürfe gegen den DSV-Vorstand und äußern Rücktrittsforderungen. Hinreichende Antworten zu den Bezichtigungen geben Sie, Herr Präsident, nicht! Lösungsvorschläge hinsichtlich der bestehenden Führungsprobleme im Leistungssport erhalten wir seit Wochen nicht!

Die letzten Wochen und Monate sind geprägt durch eine intransparente und diffuse Kommunikation, die einen Graben zwischen Vorstand und vielen hauptberuflichen Mitarbeiter*innen hat entstehen lassen, der uns bestürzt. Es fällt uns schwer, in Ihrem Krisenmanagement und Ihrer Kommunikation ein strukturiertes und zukunftsweisendes Vorgehen zu erkennen.

Sie werden verstehen, dass in dieser Gemengelage ein konzentriertes und zielorientiertes Arbeiten - mit dem Fokus auf die originären Aufgaben jedes Einzelnen - kaum möglich ist. Wir benöti-gen zudem Klarheit und Transparenz zu den medial gegen den Vorstand erhobenen Vorwürfen und eine konstruktive und schnellstmögliche Problemlösung in der Besetzung der Sportdirektorenstelle.

Wir bitten Sie daher, ausführlich schriftlich Stellung zu beziehen - insbesondere zu den erschüttern-den Vorwürfen im Beitrag des Deutschlandfunks (17.04.2021) - und die Beantwortung nachfolgender Fragen.

1. Welche konkreten Pflichtverletzungen werden dem bisherigen Direktor Leistungssport (T. Kurschilgen) vorgeworfen, die eine fristlose Kündigung rechtfertigen?

2. Wie bewertet der Vorstand die Aussage des Anwaltes von T. Kurschilgen im Umgang mit der Mail einer Schwimmerin, dass er „sich in jeder Hinsicht pflichtgemäß verhalten und insbeson-dere alle verbandsinternen Verfahrensregeln …, eingehalten hat“?

3. Wie stellt sich der Vorstand zur Aussage im Deutschlandfunk, „dass die Vorwürfe sexualisier-ter Gewalt gegen S. Lurz [dem DSV-Vorstand] als Vorwand gedient haben, um einen unliebsa-men Sportdirektor loszuwerden“?

4. Warum diskutiert der DSV-Vorstand die Personalie Michael Groß - trotz mehrfacher Termin-anfragen aus dem Trainer*innen- und Athlet*innenkreis - nicht konstruktiv und zügig mit dem hauptamtlichen Führungspersonal?

5. Warum bleibt das von den Landesschwimmverbänden an Sie verfasste Schreiben vom 03.04.2021 von Ihnen seit mehreren Wochen unbeantwortet?

6. Warum bezieht der Vorstand keine konkrete Stellung zu den Positionen und Argumenten des Briefes der Bundestrainer und Athletenvertretung vom 05.04.2021 und sagt Terminvorschläge kurzfristig - ohne plausible Gründe - ab?

7. Warum bleiben zahlreiche, Ihnen seit Wochen vorliegende Schreiben und die darin gestellten Fragen des DSV-Betriebsrats und von Mitarbeiter*innen inhaltlich unbeantwortet?

8. Wieso zögert der Vorstand hinsichtlich der interimsmäßigen Besetzung von Dr. Michael Groß als Direktor Leistungssport? Trotz mehrfacher Bekundung seiner Bereitschaft zur Unterstützung des DSV wird stattdessen die Entscheidung mit weiteren unbenannten Bewerber*innen verschleiert und hinausgezögert, was rufschädigend für Herrn Dr. Groß ist und seine Bereit-schaft für eine Zusammenarbeit mit dem DSV für immer verschließen könnte.

9. Wer wird die olympische Teilmannschaft des DSV - neben den verantwortlichen Bundestrai-ner*innen im Schwimmen, Wasserspringen und Synchronschwimmen bei den
Olympischen Spielen in Tokio führen? Wird es der zukünftige/bisherige Direktor Leistungs-sport sein oder beabsichtigt ein Mitglied des Vorstandes diese Aufgabe zu übernehmen?

10. Wie sieht die aktuelle Finanzsituation im ordentlichen Haushalt des DSV aus? Wie hoch sind die derzeitigen Einnahmenverluste und welche Auswirkungen sieht der Vorstand auf das nicht bundesgeförderte Leistungssportpersonal?

11. Ist es richtig, dass derzeit allein die Rücklagen die Liquidität des Verbandes sichern und wie wird sich die ordentliche Haushaltssituation zum Jahresende darstellen?

12. Werden anstehende und dringend umzusetzende Arbeitsvertragsverlängerungen von Trai-ner*innen und Mitarbeiter*innen im Leistungssport vom DSV-Vorstand aufgrund der aktuel-len bedrohlichen Finanzsituation des DSV hinausgezögert bzw. nicht vorgenommen?

Wir bitten Sie, unsere Fragen zu den medialen Vorwürfen noch vor dem nächsten Gesprächstermin (Videokonferenz) mit den verantwortlichen Bundestrainern zu beantworten und Ihre Position aus-führlich schriftlich darzulegen.

Vielen Dank.
Mit sportlichen Grüßen
gez.
Bernd Berkhahn (Bundestrainer, Team-Chef)
Hannes Vitense (Bundestrainer, Team-Coach)
Dr. Alexander Törpel (Bundestrainer Diagnostik)
Lasse Frank (Bundesstützpunkttrainer Berlin)
Alexander Kreisel (Bundesstützpunkttrainer Heidelberg)
Norbert Warnatzsch (Bundesstützpunkttrainer Magdeburg)
Sarah Köhler (Sprecherin der Athletenkommission, Präsidiumsmitglied DSV)
Tobias Preuß (Stellv. Sprecher der Athletenkommission)
Franziska van Almsick (Weltmeisterin Beckenschwimmen, ehem. Weltrekordhalterin)
Britta Steffen (Olympiasiegerin, Weltmeisterin Beckenschwimmen)
Paul Biedermann (Weltmeister Beckenschwimmen, Weltrekordhalter)
Sabine Pöller (Referentin Team Management)
Sylvia Wahl (Vorsitzende des Betriebsrats des DSV, Referentin Team Management)
Natalie Deschauer (Referentin Verbandsmanagement, Leitung Team Management)