Bestzeit ist Bestzeit – oder? Nicht ganz, denn je nachdem, ob sie auf der Lang- oder Kurzbahn geschwommen wurde, ist die Leistung unterschiedlich zu bewerten. Auch die Beckenlänge gilt es also zu berücksichtigen, wenn wir uns mit der Macht der Zahlen im Schwimmsport beschäftigen. Und das gilt nicht nur für den Wettkampf. Auch das Training im kleinen Becken unterscheidet sich von den Einheiten auf der langen Bahn durch mehr als die bloße Anzahl an Wenden.
“Wie viel schwimmt ihr in einer Einheit?“ Diese Frage bekommen Spitzenschwimmer immer wieder gestellt, wenn junge Nachwuchstalente, Fans und auch Trainer mal die Gelegenheit bekommen, ihnen auf den Zahn zu fühlen. Der Trainingsumfang gilt als vermeintliche Kenngröße, um die echten Schwimm-Cracks von den Hobby-Plantschern zu unterscheiden. Doch Umfang ist nicht gleich Umfang und das gilt nicht nur, weil natürlich auch die geschwommenen Intensitäten eine Rolle spielen, wie wir schon im Artikel ab Seite 30 beschreiben. Auch die Frage „wo“ geschwommen wird, ist dabei interessant. Denn je nachdem, ob wir auf der 25m- oder 50m-Bahn trainieren, wirkt sich die Beckenlänge auch unterschiedlich auf das Training und die Trainingsresultate aus. Sehr naheliegend ist der Fakt, dass beim Schwimmen auf der Kurzbahn die Wenden und Unterwasserphasen stärker trainiert werden. Bei konsequenter Ausführung der Tauchphasen verbringt man im kleinen Becken nahezu genauso viel Zeit Unterwasser wie an der Oberfläche schwimmend. Damit werden die Körperteile, die maßgeblich für jene azyklischen Bewegungen sind, auf der Kurzbahn stärker beansprucht als im 50m-Becken. Neben den Beinstreckern, die für kräftige Abstöße sorgen, betrifft das auch die Rumpfbeuger und -strecker, die uns zu einer schnellen und geschmeidigen Delphinbewegung verhelfen. So gesehen ist es nicht verwunderlich, dass gerade die Schwimmer aus den USA bei den Unterwasserphasen gern mal der Konkurrenz davonschwimmen. Am College und an der Highschool trainieren sie sehr oft im Yardbecken, das mit seinen 22m Länge nochmal ein Stück kleiner ist als ein Kurzbahnbecken. Beim Training auf der Langbahn kann dieser „Nachteil“ der geringeren Wendenanzahl dadurch ausgeglichen werden, dass zusätzliche Wendensets eingebaut werden, die z.B. auch am Anfang oder Ende einer Teilstrecke platziert werden.
Die ermüdende Langbahn
Doch nicht nur beim Training der azyklischen Bewegungen zeigen sich Unterschiede zwischen dem Schwimmen auf der Lang- und auf der Kurzbahn. Studien aus den USA haben nachgewiesen, dass im 50m-Becken die Laktatwerte und Herzfrequenzen im Durchschnitt deutlich höher sind als beim Training auf der Kurzbahn. Sprich: Das Training auf der Langbahn ist ermüdender. Verwunderlich ist das nicht: Die „normalen“ zyklischen Schwimmbewegungen benötigen mehr Energie, um dem Geschwindigkeitsverlust beim Schwimmen entgegenzuwirken als die auf der Kurzbahn stärker zum Tragen kommenden azyklischen Bewegungen. Diese Ermüdungserscheinungen machen sich im Verlauf einer Bahn auch manchmal im Training bemerkbar, wenn mit zunehmendem Verlauf der Bahn die Zugeffizienz sinkt. Dies beschreibt so zum Beispiel auch der in Südafrika geborene US-Coach und einstige Weltrekordhalter Jonty Skinner in einem seiner Trainingslehrbücher: „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Athleten auf ihrem Weg zur anderen Seite des Beckens ihre Leistungsfähigkeit nicht halten können, was zu signifikanten Verlusten führt, die man mit dem bloßen Auge mitunter nicht erkennen kann.“ Diese Verluste sind umso geringer, je besser ein Schwimmer in der Lage ist, mit einer guten Technik widerstandsgünstig den Geschwindigkeitsabfall zu vermeiden. Im Umkehrschluss lassen sich damit Technikfehler oder ineffiziente Bewegungsausführungen auf der Langbahn besser erkennen als im 25m-Becken, wo diese durch die langen Unterwasserphasen und Abstöße nach den Wenden weniger zum Tragen kommen. Im Spitzensport liegen die Unterschiede der auf Lang- und Kurzbahn geschwommenen Zeiten etwa bei zwei bis vier Prozent. Dieser Unterschied kann bei Athleten auf niedrigerem Level deutlich größer sein, da die Top-Athleten auf der Langbahn besser darauf trainiert sind, ihre Geschwindigkeiten zu halten und der Abfall hier daher nicht so extrem ist, wie bei Schwimmern mit geringerem Leistungsniveau.
Die Mischung macht’s!
Wir sehen: 25m + 25m sind nicht gleich 50m! Was lässt sich nun aus diesen Ergebnissen für das eigene Training ableiten? Beim alltäglichen Kachelnzählen kann man mit verschiedenen Kniffen den Nachteilen des jeweiligen Beckens entgegenwirken. Um die Ermüdungserscheinungen der Langbahn auch im 25m-Pool zu simulieren bietet es sich unter anderem an, mit Überdistanzen zu arbeiten. Statt 200m schwimmen wir also zum Beispiel 250m. Und: Bei (ohnehin leider oft vernachlässigten) Beine-Serien kommt der Vorteil der Unterwasserphase wiederum nicht zum Tragen, weswegen diese gerade auf der Kurzbahn eine wichtige Rolle spielen sollten. Wenn die Möglichkeit besteht, sollte man letztlich aber sowohl auf der Kurz- als auch auf der Langbahn trainieren. In Großstädten lässt sich dies mitunter dadurch organisieren, dass an verschiedenen Wochentagen in unterschiedlichen Hallen trainiert wird. An einigen Stützpunkten wird auch die Möglichkeit genutzt ein 50m-Becken zu teilen oder dieses in Querrichtung mit Leinen zu bespannen. Doch im Normalfall dürften das ein Luxus sein, denn viele Vereine sind an ihre heimische Halle und das dortige Becken gebunden. Für sie kann es hilfreich sein, sich fürs nächste Trainingslager gezielt eine Anlage mit der jeweils anderen Beckenlänge auszusuchen. Auch Wettkämpfe sowohl im 25m- als auch 50m-Becken zu schwimmen, ist sinnvoll. Damit kann zum Beispiel festgestellt werden, wie stark sich die Zeiten in beiden Pools jeweils unterscheiden, womit Rückschlüsse auf die oben angesprochenen Technikaspekte gezogen werden können. Die klassische Kurzbahnsaison im Herbst und Winter erfüllt also durchaus einen Zweck. Übrigens kommt die „ermüdende“ Langbahn in Deutschland häufiger vor, als man vielleicht vermuten mag. Zwar sind ganz allgemein die meisten Schwimmhallen hierzulande mit 25m-Becken ausgestattet. Im europäischen Vergleich aber ist Deutschland ein Langbahn-Land. Ungefähr 100 Schwimmbäder mit 50m-Pool gibt es in der Republik. Laut einer Erhebung des Deutschen Schwimm-Verbandes ist keine andere Nation auf dem Kontinent so gut mit Langbahnbecken ausgestattet. Es bleibt zu hoffen, dass sich Kommunen und Betreiber dieser Schätze bewusst sind und somit auch in Zukunft hierzulande noch in möglichst vielen Städten „lange“ Bahnen gezogen werden können.
Dieser Artikel erschien in der Frühjahrsausgabe 2021 des swimsportMagazine. Alle noch verfügbaren Ausgaben der Zeitschrift für den Schwimmsport können im großen swimsportMagazine-Paket bestellt werden. Zum Sonderpreis erwarten euch hier mehr als 1500 Seiten geballtes Schwimmwissen --> Das swimsportMagazine-Paket