Als Johannes Liebmann bei der Stockholm Swim Open im April nach den 800m Freistil anschlug, wusste er schnell, dass ihm etwas Besonderes gelungen war. Schon während des Rennens hatte er gespürt, dass er extrem schnell unterwegs war. „Ich habe das Rennen sehr genossen“, erinnert sich Liebmann zurück. Als er die Zeit an der Anzeigetafel sah, war die Freude riesig. Dass es sogar ein neuer Europarekord war, realisierte er erst, als der Hallensprecher dies verkündete.
Mit dieser Ausnahmeleistung sorgte Johannes Liebmann auch international für Aufsehen. Anerkennung erhielt er nicht nur von seinen Magdeburger Trainingspartnern und Freunden Florian Wellbrock, Lukas Märtens und Oliver Klemet, sondern erhielt auch Gratulationen von internationalen Topstars wie Olympiasieger Ahmed Hafnaoui und Weltmeister Ahmed Jaouadi. Diese Glückwünsche kamen durchaus überraschend und blieben ihm daher besonders in Erinnerung.
Doch schon vor dem Europarekord hatte Johannes Liebmann seine beeindruckende Leistungsfähigkeit auf den langen Freistilstrecken zur Schau gestellt und gehörte in den vergangenen zwei Jahren zu den erfolgreichsten Nachwuchsschwimmern Europas. Bei der JEM im letzten Jahr gewann er drei Medaillen und glänzte auch bei den Junioren-Weltmeisterschaften mit vorderen Platzierungen. Bei seinem EM-Debüt auf der Kurzbahn in Lublin verpasste er als Vierter zweimal nur knapp das Podest und stellte über die 800m Freistil einen neuen Junioren-Weltrekord auf.
Wie sein Trainer Bernd Berkhahn wechselte auch Liebmann von Elmshorn nach Magdeburg, nicht jedoch aufgrund dieser Gemeinsamkeit. Entscheidend waren die Trainingsbedingungen vor Ort, insbesondere auch die großen Namen in der Trainingsgruppe. Denn mittlerweile zieht Johannes Liebmann tagtäglich seine Bahnen mit seinen Vorbildern Florian Wellbrock, Lukas Märtens und Oliver Klemet und kann sich von jedem individuell Dinge abschauen: von Wellbrock die nahezu perfekte Technik, von Märtens dessen Spritzigkeit und Mut im Wettkampf, von Klemet Fokus und Ehrgeiz. Und auch andersherum bringt Liebmann eigene Stärken mit, wie seinen enormen Ehrgeiz und der ständige Wunsch, besser zu werden– manchmal sogar so sehr, dass er im Training versucht, schneller als alle anderen zu schwimmen, „was nicht immer das Schlauste ist.“
Die vergangene Saison war dennoch auch von einigen Herausforderungen geprägt. Wegen der geschlossenen Schwimmhalle in Magdeburg mussten die Trainingsbedingungen mehrfach angepasst werden. Gleichzeitig stand für Liebmann das Abitur auf dem Programm, das er mittlerweile mit Bravour bestanden hat. „Ich habe viel trainiert und das Beste aus dem gemacht, was ich beeinflussen kann“, blickt er zurück. Hinzu kam, dass er körperlich nochmal einen deutlichen Entwicklungsschritt machte.
Trotz seiner rasanten Entwicklung sieht Liebman noch reichlich Potenzial. Entscheidend seien inzwischen nicht mehr große Veränderungen, sondern die kleinen Details: mehr Konstanz in der Technik, eine für ihn optimale Wasserlage, mehr Schnelligkeit und ein noch besseres Wassergefühl. All das komme mit den Trainingsjahren.
Nun richtet sich der Blick auf die Europameisterschaften in Paris. Dort wird Johannes Liebmann sowohl im Becken als auch im Freiwasser an den Start gehen. Im Knockout Sprint im Freiwasser fehlt ihm zwar noch die große Erfahrung, entsprechend vorsichtig formuliert er seine Erwartungen: „Ich denke, das wird eine gute Einstimmung auf das Wettkampffeeling und den EM-Vibe.“ Da die Priorität jedoch klar auf den Beckenevents liegt, will er im Zweifel kein Risiko eingehen – etwa, falls die Wasserqualität Probleme bereiten sollte.
Im Becken sind seine Ziele deutlich konkreter: Mit seinem Europarekord über die 800m Freistil zählt er klar zu den Favoriten und ist offen über seine Medaillenambitionen. „Ich denke, durch die Zeit, die ich in diesem Jahr schon gezeigt habe, darf ich schon in Richtung Gold blicken.“ Und auch über die 400m und 1500m Freistil wird Liebmann ins Becken springen – alles Strecken mit einer starken innerdeutschen Konkurrenz. Weil pro Nation nur zwei Finaltickets zu vergeben sind, ist das Kräftesparen im Vorlauf praktisch unmöglich. „Die beiden Deutschen, die ins Finale kommen, sollten sehr gute Chancen auf die Medaillenplätze haben. Aber entschieden ist da definitiv noch nichts.“
Rückenwind geben Johannes Liebmann dabei auch seine Erfahrungen von der Kurzbahn-EM des vergangenen Jahres – seinen ersten internationalen Titelkämpfen in der offenen Klasse. Mit zwei starken vierten Plätzen und dem Junioren-Weltrekord blickt er äußerst positiv auf sein EM-Debüt zurück: „Ich bin sehr zufrieden mit Lublin, auch wenn es natürlich schade ist, dass es für eine Medaille knapp nicht gereicht hat.“
Auch über den 800m Weltrekord macht sich Liebmann Gedanken. Dieser gilt seit Jahren als nahezu unerreichbar und ist nochmals fast sechs Sekunden schneller als der Europarekord. „Ich sage nicht, dass es unmöglich ist. Jeder Rekord kann gebrochen werden, aber die 800m sind definitiv auf einem anderen Niveau. Aber wir haben im Moment möglicherweise die besten Chancen, den zu knacken.“ Zusätzliche Motivation liefert nicht nur die innerdeutsche Leistungsdichte, sondern auch das Fernduell mit dem Australier Sam Short, der in diesem Jahr als Einziger schneller schwamm als Liebmann. „Das kann neue Reserven und neue Energien freischalten.“
Nun zählt jedoch erst einmal die EM in Paris. Dort möchte Johannes Liebmann nicht nur nach den Medaillen greifen, sondern zeigen, dass sein Europarekord kein einmaliger Ausreißer war. Sein eigenes Fazit fällt entsprechend klar aus: „Ich werde alles dafür geben. Und wenn es diesmal noch nicht reicht, nehme ich die Erfahrungen mit und arbeite weiter daran, mich Schritt für Schritt zu verbessern.“
Bild: Tino Henschel