Von den 200m Freistil im Becken bis zu den zehn Kilometern im Freiwasser – kaum ein Schwimmer vereint eine solche Bandbreite auf Weltklasseniveau wie Oliver Klemet. Während sich viele früh spezialisieren, gehört Klemet sowohl in zahlreichen Becken- wie auch Freiwasserevents zur internationalen Spitze und feierte in den letzten Jahren große Erfolge. Olympisches Silber über 10km, Olympia- und WM-Finals auf den langen Freistilstrecken im Becken – diese Vielseitigkeit ist seine große Stärke.
Auch bei den Europameisterschaften in Paris wird Klemet wieder das Doppel bestreiten. Im Freiwasser zählt er vor allem im Knockout Sprint, aber auch über die fünf und zehn Kilometer zum engsten Kreis der Medaillenkandidaten. Im Becken richtet sich der Fokus insbesondere auf die 400m und 1500m Freistil – nicht zuletzt, weil diese Rennen im späteren Verlauf der EM stattfinden und ihm nach den Freiwasser-Rennen mehr Zeit zur Erholung geben. Die Doppelbelastung ist anspruchsvoll, aber in den letzten Jahren bestens erprobt worden.
Ob ihm das Becken oder das Freiwasser mehr liegt, möchte Klemet nicht entscheiden. Beides hat einen eigenen Reiz. Während die Leistungen im Becken durch ihre Objektivität geprägt sind, spielen im Freiwasser vermehrt Positionskämpfe und die äußeren Bedingungen eine Rolle. Zuletzt glänzte Oliver Klemet beim Weltcup-Finale mit einem souveränen Sieg im Knockout Sprint – ein Event, bei dem seine Vielseitigkeit besonders zur Geltung kommt und wo er aktuell seine größten Medaillenchancen sieht. Doch auch die anderen Strecken bleiben relevant: „Die zehn Kilometer bleiben die olympische Disziplin und stehen deshalb weiter im Fokus“, erklärt er. Dass seine Ergebnisse auf dieser Strecke in dieser Saison bislang noch nicht ganz an die der vergangenen Jahre heranreichen, erklärt sich durch einen schwierigen Saisonstart.
Im Herbst zog sich Klemet einen Armbruch zu. Vier Wochen Gips, anschließend durfte der Arm noch mehrere Wochen nicht belastet werden. Anstelle des normalen Trainings saß er viele Stunden auf dem Fahrrad und schwamm im Wasser vor allem Beinesets. Im Nachhinein zahlte sich genau das aus: „Vor allem das Beintraining hat sich im Saisonverlauf bemerkbar gemacht“, berichtet Klemet. Bereits bei der Kurzbahn-EM im Dezember, kurz nach seinem Wiedereinstieg ins Training, präsentierte er sich in guter Form. „Für die kurze Vorbereitungszeit und den langen Ausfall war das schon sehr positiv.“
Anschließend arbeitete er gezielt daran, die verlorene Kraft und Ausdauer wieder aufzubauen. Vor allem zu Beginn des Jahres legte sein Magdeburger Trainer Bernd Berkhahn den Schwerpunkt auf zusätzliches Krafttraining. Aber nicht nur körperlich war die Verletzung eine Herausforderung. „Man weiß natürlich nicht, inwiefern das die Leistung beeinflusst und wie schnell man wieder leistungsfähig sein kann. Insoweit hat man sich da schon Gedanken gemacht“, blickt Klemet zurück.
Gleichzeitig habe ihm die ungewohnte Pause auch gutgetan, Körper und Kopf konnten sich erholen. Die starken Leistungen im Qualifikationszeitraum für die EM sorgten für Erleichterung: „Das war ein gutes Signal. Man hat den Armbruch doch ganz gut überstanden.“ Ein gutes Zeichen auch für die anstehenden Europameisterschaften in Paris.
Mit olympischem Silber feierte Oliver Klemet in Paris seinen bislang größten Erfolg – und auch in diesem Jahr soll bei den Titelkämpfen erneut Edelmetall herausspringen. Wenn möglich sowohl im Becken als auch im Freiwasser. Entscheidend wird sein, nach den Freiwasserrennen gesund zu bleiben und die richtige Balance aus Regeneration und Aktivierung zu finden. Im Becken wartet dann insbesondere die Konkurrenz aus den eigenen Reihen. Schon im Vorlauf werden die deutschen Freistil-Asse alles geben müssen, um sich eines der zwei Finaltickets pro Nation zu sichern. Dann stehen auch die Medaillenchancen gut. Das persönliche Verhältnis innerhalb der Magdeburger Trainingsgruppe aber auch zu Sven Schwarz sei nichtsdestotrotz äußerst kollegial: „Es ist ein sehr fairer sportlicher Umgang miteinander. Und den beiden, die ins Finale kommen, wünscht man dann auch den bestmöglichen Erfolg.“
Auch im innerdeutschen Duell kann Oliver Klemet auf seine Vielseitigkeit setzen und seine Stärken in der Ausdauer aber auch der Grundschnelligkeit ausspielen. Genau diese Mischung macht ihn zu einem der komplettesten Schwimmer auf nationaler wie internationaler Ebene – und zu einem Athleten, der trotz einer schwierigen Saisonvorbereitung bei den Europameisterschaften wieder um die Medaillen kämpfen wird.
Bild: Tino Henschel