Mit 18 Jahren zählt Noelle Benkler bereits zu den größten Talenten im deutschen Schwimmsport. Wer ihr begegnet – am Beckenrand oder im Interview – merkt jedoch schnell: Es sind nicht nur ihre Zeiten und Platzierungen, die sie auszeichnen. Benklers Markenzeichen ist ihre Frohnatur. Eine Offenheit, die ansteckt.
Auch auf der internationalen Bühne ist Noelle Benkler längst keine Unbekannt mehr. Direkt bei ihrer Premiere in der offenen Klasse schwamm sie bei der Kurzbahn-EM im vergangenen Jahr über die 400m Lagen auf Rang vier – nur hauchdünn an ihrer ersten EM-Medaille vorbei. Ohne großes Ziel war sie dort an den Start gegangen, der Sprung ins Finale schon ein großer Erfolg. An eine Medaille habe sie sich „nicht getraut zu denken“. Als dann der vierte Platz zu Buche stand, war da im ersten Moment doch eine Enttäuschung: „Ehrlich gesagt war ich dann doch ein bisschen enttäuscht, weil ich dachte, ey mist, so eine Medaille wäre schon ganz toll gewesen.“, erinnert sich Benkler zurück. Doch dieses Gefühl hielt nicht lange. Schon bald überwog die Zufriedenheit: ein starkes Rennen, jede Menge Spaß, die eigenen Erwartungen übertroffen.
Genau diese Einstellung begleitet die Wahl-Heidelbergerin nun auch zu den Europameisterschaften in Paris, wo sie erneut das deutsche Team verstärken wird. Erfahrungen sammeln, Eindrücken mitnehmen, von anderen Nationen lernen – all das soll in Paris im Vordergrund stehen. Doch auch sportliche Ambitionen begleiten Benkler, die gerne erneut in einem EM-Finale stehen würde. Über die 400m Lagen rechnet sie sich bessere Chancen aus als über die 200m Lagen, auch wenn sie beide Strecken gleichermaßen gerne schwimmt und ihren Fokus bewusst auf beide legt.
Internationale Wettkämpfe sind für Noelle Benkler ohnehin schon immer Highlights gewesen. Besonders gerne erinnert sie sich an ihre EYOF Teilnahme: „Ich hätte nie gedacht, dass ich immer noch davon erzählen werde, so viele Jahre später. Aber der olympische Charakter war einfach toll“. Diese Begeisterung trägt sie seither mit sich und greift darauf zurück, wenn es mal nicht so gut läuft.
Dass ihr Weg nicht immer gradlinig verläuft, zeigte sich zuletzt im Vorfeld der Deutschen Meisterschaften. Bereits in der Woche zuvor knackt Benkler die EM-Norm und kam über die 200m Lagen sogar dicht an den Deutschen Rekord heran. Diesen hält noch immer Alexandra Wenk, die ebenfalls mal bei Olaf Bünde – Benklers ehemaligem Trainer in Regensburg – schwamm. Beide haben schon gemeinsam trainiert, Benkler schwimmt aktuell mit einer Badekappe von Wenk. Alexandra Wenk sagte mal, sie würde sich freuen, wenn ihr Rekord eines Tages von Noelle gebrochen würde. Sie selbst sieht das als große Ehre und Ansporn: „Wenn das klappt, wäre es natürlich sehr schön. Aber wenn es jetzt noch nicht an der Zeit ist, dann bin ich da auch nicht enttäuscht.“
Umso überraschender war die Leistung am Wochenende vor den DM, da sie noch nicht komplett getapert hatte – und kurz zuvor auch noch eine Lebensmittelvergiftung auskurieren musste. Bei den Deutschen Meisterschaften blieb Benkler dann gut eine Sekunde über dieser Zeit: „Da war ich schon enttäuscht“, gibt sie offen zu. Doch das große Ziel, das EM-Ticket für Paris, hatte sie erreicht, auch wenn es in diesem Jahr nicht mit einem Deutschen Meistertitel klappte.
Auch wenn von außen kaum ersichtlich: Der Schritt vom Junioren- in den Seniorenbereich fühlte sich für Benkler gewaltig an. Vor allem die Stimmung im Vorstartbereich sei eine andere. Als „Küken“ fühle man sich klein, plötzlich stehen große Stars neben einem. Um mit der Aufregung umzugehen, arbeitet Benkler mit einem Sportpsychologen zusammen.
Vorbilder hat sie dabei einige. Im deutschen Team ist es Angelina Köhler, zu der sie ein besonders enges Verhältnis hat. „Schon früher habe ich zu ihr aufgeguckt und das tue ich auch immer noch.“ Beide sehen sich gegenseitig wie Schwestern und teilen ihre Frohnatur. International ist Benkler besonders von Regan Smith beeindruckt: menschlich toll, authentisch, lustig – ein Beweis dafür, dass man mit Fröhlichkeit punkten und trotzdem maximal ehrgeizig sein kann.
Ihre eigene Fröhlichkeit trägt Noelle Benkler seit ihrer Kindheit in sich. Schon damals sei sie aufgedreht gewesen, habe zu Musik getanzt, wo immer es ging. Wenn Leute nun sagen, sie sei „too much“, gehe das bei ihr auf einem Ohr rein und auf dem anderen raus. Ihre Einstellung: „Das Leben ist viel zu kurz, um traurig zu sein und in einem Schneckenhäuschen zu stecken. Es ist viel schöner, neugierig zu sein und zu versuchen, mit allem gut klarzukommen.“ Besonders schön sei es, wenn sich diese Positivität überträgt und andere zum Lachen bringt.
Natürlich gibt es aber auch Momente, in denen die gute Laune leiser wird – etwa, wenn das Training extrem hart ist. Dann schwankt auch mal die Motivation. Doch selbst das gehört für Noelle Benkler dazu. Langfristig bleibt der große Traum Olympia – ein Wunsch, der sie seit ihrer Kindheit begleitet. „Ich gebe jeden Tag mein Bestes und versuche alles, um mir diesen Traum zu erfüllen.“
Bild: Tino Henschel