Erst seit gut anderthalb Jahren zieht Maya Tobehn wieder regelmäßig ihre Bahnen. Und bereits in diesem Sommer feiert sie bei den Europameisterschaften in Paris ihr Comeback auf der internationalen Schwimmbühne. Ein Comeback, das eng mit einem persönlichen Neustart verbunden ist. Nach einer mental sehr schwierigen Phase und einem Burnout entschied sich Tobehn bewusst für einen Schritt zurück – und später für einen ebenso bewussten Schritt nach vorn, zurück ins Schwimmbecken.
„Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn ich es nicht zumindest probiert hätte“, beschreibt die 24-Jährige ihre Motivation für das Comeback, das sie vor rund anderthalb Jahren gemeinsam mit ihrem Trainer Martin Dautz plante. Vorausgegangen war dieser Entscheidung ein Umzug von Berlin nach Dresden. Der Wiedereinstieg erfolgte dann kontrolliert und ohne kurzfristigen Ergebnisdruck. Viel Grundlagenausdauer stand im Fokus, während Tobehn im Kraft- und Geschwindigkeitsbereich noch großes Entwicklungspotenzial sieht.
Ihr Leistungspotenzial ist schon jetzt bemerkenswert: Bereits eine Woche vor den Deutschen Meisterschaften, konnte sich Maya Tobehn bei den Berlin Swim Open für einen Platz im deutschen EM-Team über die 200m Freistil empfehlen. „Ich habe mich wahnsinnig über die Zeit gefreut, vor allem nach so langer Zeit wirklich wieder Fuß zu fassen“, blickt Tobehn zurück. „Aber es war wichtig, konzentriert zu bleiben.“ Denn das endgültige EM-Ticket, gab es erst eine Woche später im Rahmen der DM zu holen. Zwar verpasste sie als Vierte über die 200m Freistil eine Einzelmedaille über diese Strecke, machte aber sowohl im Einzel als auch für die Staffel die Qualifikation für die EM in Paris perfekt. Hinzu kamen Medaillenerfolge über die 50m und 100m Schmetterling.
Der Weg zurück in die nationale Spitze war alles andere als selbstverständlich. Als die Olympischen Spiele 2020 in Tokio pandemiebedingt verschoben wurden, verpasste Tobehn den Sprung ins Olympiateam nur knapp. Stattdessen hätte sie zur Europameisterschaft fahren sollen – sie verzichtet. Mental ist sie dazu nicht in der Lage. Der Olympiatraum ist geplatzt – und mit ihm ein jahrelang verfolgtes Ziel.
Viele raten ihr zu einer Pause. Abstand gewinnen, raus aus der Schwimmhalle, den Kopf frei bekommen. Doch Tobehn wehrt sich lange dagegen. Hormonell bedingt beginnt sie zuzunehmen, das Thema Gewicht wird zur zusätzlichen Belastung. Statt loszulassen, klammert sie sich an den Sport. Parallel geht es ihr mental immer schlechter – bis hin zum Burnout.
„Da war ich in einem so schlimmen Loch, das war überhaupt nicht mehr greifbar für mich“, erinnert sie sich zurück. Aus dieser Situation heraus findet Tobehn langsam zurück – nicht allein, sondern mit Hilfe. Ihr Hund zwingt sie dazu, regelmäßig vor die Tür zu gehen, wieder einen Rhythmus zu finden. Und auch ihr Trainer Martin Dautz spielt eine entscheidende Rolle: Gespräche, Struktur, ein Gegenüber das bleibt. Irgendwann dann die klare Erkenntnis: Sie muss raus aus Berlin, ein Neustart muss her.
So begann Maya Tobehn in Dresden ein Fotografiestudium. Doch schnell folgte der Gedanke: Mit dem Schwimmen, bin ich doch irgendwie noch nicht fertig. Dafür stellte sie ihre Ernährung komplett um. Statt Kalorien zu zählen, begann sie komplett auf Zucker zu verzichten und ihre Essgewohnheiten gemeinsam mit einer Ernährungsberaterin eng an die Trainingsanforderungen anzupassen – mit einem großen Effekt.
Besonders praktisch für die Rückkehr ins Schwimmbecken: Auch Tobehn’s Trainer Martin Dautz war inzwischen nach Dresden gewechselt. Und dass die Zusammenarbeit zwischen den Beiden von Erfolg geprägt ist, war bereits im Juniorenbereich stark erkennbar. Damals zählte Tobehn zu den größten deutschen Hoffnungsträgerinnen, nahm an zahlreichen internationalen Titelkämpfen teil und sammelte dort Medaillen. Aus dieser Zeit hat sie sportlich und persönlich vieles mitgenommen, vor allem auch eine große Affinität zu Staffeln. Umso größer ist jetzt die Vorfreude mit Blick auf die Europameisterschaften in Paris: „Da ist eine große Freude und Dankbarkeit, wieder so weit gekommen zu sein“.
Und alles, was darüber hinaus noch folgt, sei für Maya Tobehn ein Bonus – getragen von der Gewissheit, den schwierigsten Schritt bereits geschafft zu haben.
Bild: Tino Henschel