04. Juli 2026

„Ich hab’s schon immer gewusst: Der wird mal ein ganz Großer!“ Wenn die Schwimmstars ihre Erfolge einfahren, finden sich oft recht schnell vermeintliche Experten, die den Schwimmer noch als dieser in den Kinderschuhen steckten angeblich Großes vorhergesagt haben. Doch in den meisten Fällen ist es kaum möglich, von frühen Erfolgen auf späteres Weltklasseformat zu schließen. Das zeigen sowohl die Sportwissenschaft als auch der Blick auf die Meisterlisten. Wir haben uns einige Beispiele für den Werdegang spätere Schwimmstars angeschaut und man kann sehen: Viele Wege führen nach oben. 

Es ist wie ein milchiger Blick in die Glaskugel, wenn man sich die Frage stellt, welches junge Schwimmtalent es später einmal ganz nach oben schaffen könnte. Viele Faktoren spielen hier eine Rolle, zum einen natürlich die genetischen Voraussetzungen, aber auch das soziale Umfeld, Faktoren wie Wille und Motivation und letztlich auch schlicht das Glück zur richtigen Zeit am richtigen Ort (und im richtigen Sport) zu sein. Sportwissenschaftliche Untersuchungen haben in den zurückliegenden Jahren immer wieder gezeigt, dass es nur wenig Zusammenhang zwischen den vorpubertären Leistungen und späteren Erfolgen gibt. Eine Umstand, der Vereine und Verbände bei der Talentförderung immer wieder vor Probleme stellt, denn oft lässt sich die Frage „Fördern wir jetzt gerade die richtigen?“ erst Jahre später beantworten. Auch wenn wir uns die Stars unsere Sports anschauen, wird klar, dass sie oft eine sehr unterschiedliche Entwicklung durchlaufen haben. 

Die frühen Überflieger

Recht klar ist das Identifizieren der frühen Überflieger, wenn wir einen internationalen Maßstab ansetzen. Weltstars wie Sarah Sjöström, Katie Ledecky oder auch Michael Phelps bestimmten schon in ihren Teenager-Jahren die Spitze mit, obwohl sie noch mitten in der Pubertät steckten. Bemerkenswert ist bei allen der Genannten aber, dass sie nicht einfach nur ihren Altersgenossen zehn Schritte voraus und „frühentwickelt“ waren. Nein, diese Stars haben ihre Karrieren quasi schon auf einem höheren Level begonnen. Denn es ist nicht so, dass andere einfach „später dran“ waren und aufschließen konnten, sondern die frühen Überflieger entwickelten sich ihrerseits weiter. Michael Phelps stand bereits mit 15 Jahren in einem Olympiafinale, doch seinen Leistungshöhepunkt hatte er erst etwa acht Jahre später mit Anfang bis Mitte 20. Eigentlich ein recht „normaler“ Verlauf einer Leistungsentwicklung, nur eben auf einem deutlich höheren Niveau. Ähnlich sieht es bei Katie Ledecky aus, die 2012 mit ihrem Olympiasieg über die 800m Freistil alle überraschte. Auch jetzt, elf Jahre später, ist sie das Maß der Dinge über die beiden langen Freistilstrecken. Noch in diesem Sommer kam sie über die 800 und 1500m Freistil im Alter von nun 26 Jahren so nah an ihre Weltrekorde über beide Strecken heran, wie seit deren Aufstellung in den Jahren 2016 und 2018 nicht mehr. Auch die Überfliegerin Sarah Sjöström zeigte im Sommer, dass frühe Erfolge nicht heißen, dass später keine Steigerungen mehr möglich sind. Bei der WM im Sommer stellte die Schwedin mit fast 30 Jahren einen neuen Weltrekord über die 50m Freistil auf. Und das stolze 14 Jahre nachdem sie bei der WM 2009 zum ersten Mal die Schwimmszene mit einem Weltrekord über die 100m Schmetterling geschockt hatte. Ein Beispiel aus der deutschen Schwimmgeschichte ist Franziska van Almsick, die 1992 als 14-Jährige Olympiasilber holte. Ihren Weltrekord, den sie 1994 über die 200m Freistil aufgestellt hatte, verbesserte sie 2002 – also acht Jahre später. Aktuell bestimmt die junge Kanadierin Summer McIntosh das Geschehen auf der Weltbühne ganz stark mit. Vor zwei Jahren wackelte sie als 14-Jährige am Olympiapodest und zeigte seitdem immer wieder, dass das wohl nur der Anfang war. Es folgten 2022 die WM-Titel über die 200m Schmetterling und 400m Lagen, die sie in diesem Sommer verteidigte. Und oben drauf stellte sie im Frühjahr 2023 neue Weltrekorde über die 400m Lagen und Freistil auf. Wir dürfen gespannt sein, wo bei ihr die Reise noch hin geht.

Wellbrocks Weg nach oben

Nun könnte man nach all diesen Beispielen meinen, wer später einmal ein Weltstar werden will, muss schon früh internationales Niveau aufweisen. Weit gefehlt. Denn es gibt mindestens ebenso viele Gegenbeispiele, wenn nicht sogar noch mehr.  Ein Beispiel für einen Schwimmer, der im Kindesalter zwar Talent zeigte, aber kein Überflieger war, ist Deutschlands Superstar Florian Wellbrock. Mit der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 2021 über die 10km sicherte er sich einen Platz in der Schwimm-Geschichte. Für ihn selbst war dieser Erfolg „ein Kindheitstraum, auch wenn ich mit 14 oder 15 Jahren bestimmt nicht gesagt habe, ich bin Florian Wellbrock, ich werde Olympiasieger“, wie er nach dem Triumph von Tokio rückblickend erklärte. Mit 14, 15 Jahren war der gebürtige Bremer zwar bereits ein schneller junger Schwimmer. Die Medaillen bei Deutschen Jahrgangsmeisterschaften räumten damals aber noch andere ab. Als 14-Jähriger war Wellbrock so zum Beispiel über seine Paradestrecke auf Platz 19 der nationalen Bestenliste in seinem Jahrgang 1997 zu finden. Doch in seinen Teenagerjahren blieb er am Ball. Während andere Namen die Nachwuchsszene beherrschten, schlug Wellbrock einen stetigen Weg nach oben ein und kletterte auch im nationalen Ranking Jahr für Jahr um einige Positionen. An der Spitze des Feldes durfte er dann „erst“ mit 18 Jahren zum ersten Mal stehen: Bei den Deutschen Jahrgangsmeisterschaften 2015 gewann er den Titel über die 1500m Freistil. Dass noch deutlich mehr Potential in ihm steckt, hatte zuvor bereits der spätere Bundestrainer Bernd Berkhahn entdeckt, der Wellbrock 2014 an den Stützpunkt nach Magdeburg lotste, wo er seine Leistungen nun weiter steigerte. Das Debüt in der A-Nationalmannschaft feierte Wellbrock dann noch bevor er jemals bei einer Junioren-Europameisterschaft oder einem anderen Nachwuchshöhepunkt war. Bei der WM 2015 durfte er sich im Freiwasser beweisen und landete auf Anhieb auf Platz fünf über die 5km. Das Debüt bei Olympia feierte er dann wenige Wochen vor seinem 19. Geburtstag bei den Spielen in Rio 2016. Erst im September desselben Jahres gehörte Wellbrock erstmals dem Junioren-Nationalteam an und holte bei der Freiwasser-JEM Silber über die 10km. Dieses Alter, im Ausklang der Pubertät und Schulzeit ist für viele junge Talente der Knackpunkt für die weitere Karriere. Wellbrock war hier zwar bereits bei einer WM und Olympia dabei gewesen, doch wo der Weg hinführen würde, war alles andere als klar. Während die Entwicklung bei so manchen Altersgenossen auf diesem Niveau stagniert, setzte Wellbrock erneut zum Leistungssprung an – diesmal wahrscheinlich zum entscheidenden für seine Karriere. Im Sommer 2018, mit knapp 21 Jahren, gelang Wellbrock der Durchbruch in die absolute Weltspitze. Mit einem Deutschen Rekord von 14:36,15 Minuten schwamm er eine der schnellsten Zeiten der Schwimmgeschichte über die 1500m Freistil und wurde Europameister. In den folgenden Jahren bestätigte Wellbrock Saison für Saison das Niveau im Bereich von 14:36 Minuten – nur etwa 0,6 Prozent vom Weltrekord entfernt und in diesem Sommer zeigte er, dass noch immer Luft nach oben ist. In 14:34,89 Minuten verbesserte der nun bereits 26-Jährige erneut seine nationale Bestmarke. Weltmeister, Olympiasieger, Rekordschwimmer – Errungenschaften, von denen der Teenager Florian Wellbrock vielleicht geträumt hat, mit denen damals aber wahrscheinlich kaum jemand gerechnet hatte. Eine stetige langfristige Leistungsentwicklung, Zielstrebigkeit, das Erlernen des Umgangs mit Rückschlägen und natürlich das stets unterstützende Umfeld haben aus dem unauffälligen Schwimmtalent den größten deutschen Schwimmstar der zurückliegenden 15 Jahre geformt. 

Adam Peaty – Das Talent auf dem zweiten Blick

Auch auf internationalem Niveau begegnen uns immer wieder Schwimmstars, die sich als Kinder noch nicht in den Vordergrund geschwommen hatten. Manchmal braucht es dann ein gutes Auge am Beckenrand, um das mögliche Potential zu erkennen. So war es auch bei Adam Peaty. Der Superstar, der mit seinen Weltrekorden über die 50 und 100m Brust der Konkurrenz nicht nur voraus, sondern in ganz anderen Dimensionen unterwegs ist, war als 14-Jähriger auf den Brustdistanzen ein sogar eher unterdurchschnittlich schneller Schwimmer. Seine Bestzeit über die 100m Brust stand damals bei 1:21,80 Minuten. Zum Vergleich: Damit wäre er in der deutschen 2023er Bestenliste der 14-Jährigen nicht einmal unter den Top 100 – würde also gar nicht auftauchen. Doch ein glücklicher Umstand sollte seinen späteren Weg bestimmen: Als Trainerin übernahm damals die einstige Weltklasseschwimmerin Melanie Marshall das Ruder bei Peatys Verein in Derby im Herzen Englands. Marshall erkannte, dass Peaty – damals noch Freistilschwimmer – eine Begabung für das Brustschwimmen hat, die jedoch bis dahin noch nicht entsprechend gefördert worden war. Das sollte nun nachgeholt werden. Innerhalb von etwas mehr als einem Jahr steigerte Peaty seine Bestzeit über die 100m Brust um zehn Sekunden. Ein erster großer Schritt, doch auch mit solch einer 1:11er Leistung wäre hierzulande zum Beispiel ein Finale bei Deutschen Jahrgangsmeisterschaften noch weit entfernt. Marshall arbeitete zunächst viel mit Peaty an Grundlagen und entwickelte bei ihm über die nächsten Jahre hinweg auch die Fähigkeit die 200m Brust schwimmen zu können, auch um das Stehvermögen für den zweiten 50er der 100m-Distanz zu schulen. Bei der Junioren-EM 2012 stand Peaty dann tatsächlich auch im Finale über die 200m Brust. Der gezielte Leistungsaufbau durch die Trainerin gepaart mit der Entwicklung der ganz eigenen stilistischen Klasse Peatys sorgte in den folgenden Jahren für stetige Verbesserungen. Mit 18 durchbrach er erstmals die Marke von 1:00 Minuten über die 100m Brust und im Jahr darauf schwamm sich Peaty mit Titeln bei den Europameisterschaften 2014 in Berlin sowie den Commonwealth Games in Glasgow auch in den internationalen Fokus. Sein Fabelweltrekord von 56,88 Sekunden über die 100m Brust sollte weitere fünf Jahre später bei der WM 2019 in Korea folgen. Elf Jahre lang waren er und seine Trainerin Melanie Marshall zu diesem Zeitpunkt ein Gespann. Das Talent zum Brustschwimmer brachte Peaty wahrscheinlich bereits früh mit – doch es musste erst erkannt werden. 

Das Beispiel von Adam Peaty zeigt, wie wichtig es ist, dass erstklassige Coaches nicht erst im Junioren- oder Spitzenbereich am Beckenrand stehen, sondern dass der Blick für Talente schon an der Basis eine große Rolle spielt. Das betrifft nicht nur das Erlernen von Technik und das Legen von schwimmerischen Grundlagen. Die Jugendcoaches können auch dafür sorgen, das richtige Feuer zu entfachen, das dann dafür sorgt, dass junge Schwimmer möglichst lange im Sport bleiben. Denn wie wir am Beispiel von Florian Wellbrock gesehen haben, zeigt sich das wahre Potential oft erst, nachdem die Pubertät bereits durchschritten wurde und der Start ins Erwachsenenleben ansteht. Studien haben gezeigt, dass die Motivationsquellen, die in jungem Alter für die Erbringung von Leistungen genutzt werden, sich auch durch den späteren Werdegang durchziehen. Nur weil jemand mit 12 oder 13 also nicht die herausragenden Leistungen im Becken zeigt, sind Hopfen und Malz noch lange nicht verloren. Gerade in dieser Phase sowie beim Einsetzen der Pubertät sollten sich Coaches bewusst sein, dass jeder eine andere Entwicklung durchläuft und ein zu frühes „Aussortieren“ zu vermeiden ist. Oftmals wird dabei nämlich vergessen, wie Vielfältig der Schwimmsport ist. Wir haben nicht nur vier unterschiedliche Schwimmarten sondern auch Streckenlängen, die Belastungszeiten von knapp über 20 Sekunden im Becken bis hin zu zwei Stunden im Freiwasser haben. Alle das bevorteilt viele unterschiedliche körperliche Voraussetzungen und bietet im Umkehrschluss auch viele Möglichkeiten, damit Talente die für sie passenden Strecken und Lagen finden. Man muss ihnen nur die Zeit dazu geben. 

 

Adam Peatys Leistungsentwicklung:

Alter

Jahr

50m Brust

100m Brust

200m Brust

14

2008

00:35,60

01:21,80

-

15

2009

00:32,44

01:11,47

02:54,97

16

2010

00:29,56

01:04,01

02:20,96

17

2011

-

01:03,28

02:18,51

18

2012

00:29,07

01:02,30

02:15,68

19

2013

00:27,58

00:59,92

02:11,07

20

2014

00:26,62

00:58,68

02:09,00

21

2015

00:26,42

00:57,92

02:08,34

22

2016

00:26,61

00:57,13

 

23

2017

00:25,95

00:57,47

 

24

2018

00:26,09

00:57,10

 

25

2019

00:26,06

00:56,88

 

Dieser Artikel erschien in der Herbstausgabe 2023 des swimsportMagazine. Alle noch verfügbaren Ausgaben der Zeitschrift für den Schwimmsport können im großen swimsportMagazine-Paket bestellt werden. Zum Sonderpreis erwarten euch hier mehr als 1500 Seiten geballtes Schwimmwissen --> Das swimsportMagazine-Paket