Im Zusammenspiel zwischen Schwimmern, Trainern und Verein darf eine wichtige Größe natürlich nicht fehlen: Die Eltern. Im Kinder- und Jugendbereich tragen sie auf ihren breiten Schultern viele organisatorische und finanzielle Lasten, engagieren sich im Verein und sind daheim sowohl Motivator als auch Tröster. Unsere Autorin Melanie Ragot ist nicht nur Trainerin, sondern auch Schwimmermama, kann dieses komplexe Zusammenspiel also aus mehreren Perspektiven betrachten. Im folgenden Artikel hat sie sich eingehend der Rolle der Schwimmereltern gewidmet.
„Mama, warum bekomme ich keine Medaille?“ An diese Frage meines damals sechsjährigen Sohnes erinnere ich mich noch gut. Mein Sohn war noch neu im Schwimmverein und nahm das erste Mal an einem vereinsinternen Wettkampf teil. Er musste 25m Freistilbeine und 25m Rücken schwimmen. Am Ende gab es eine Siegerehrung und Medaillen für die schnellsten drei Schwimmer. Mein Sohn hatte bei Bambiniläufen gelernt, dass jeder Teilnehmer ein Gewinner ist und es am Ende immer eine glitzernde Medaille gibt. Er stand erwartungsvoll mit vielen anderen Kindern vor dem Podium und wartete darauf, dass auch er für seine Leistung belohnt wird. Ich hatte bemerkt, dass die drei besten Schwimmer in seinen Wettkämpfen schon geehrt worden sind. Er gehörte leider nicht dazu. Als ich ihm sagte, dass wir nach Hause fahren, wollte er nicht mitkommen und als ich ihm erklärte, dass er keine Medaille bekommt, war er ganz traurig. Ich komme selbst aus dem Schwimmsport und weiß, dass der Umgang mit Niederlagen zum Wettkampfsport dazugehört. Dass mein Sohn dies jedoch mit sechs Jahren erfahren musste, tat mir als Mutter weh. Ich tröstete ihn auf der Rückfahrt.
Zum Jahresende 2021 zählt der Deutsche Schwimmverband 534.152 Mitglieder, wovon mit knapp 54 Prozent mehr als die Hälfte der Mitglieder Kinder und Jugendliche sind. 240.823 Mitglieder, also 45 Prozent der Gesamtmitgliederzahl, sind Kinder im Alter von 0 bis 14 Jahren. „Leistungssport ist nicht nur eine Herausforderung für den Sportler, sondern auch für dessen Eltern“, heißt es im Vorwort von Klaus Rudolph in seiner Elternfiebel „Mein Kind Schwimmt“. Eltern spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung ihrer Kinder und beim Heranführen an den Sport. Sind die Eltern selbst sportlich oder sportinteressiert, so können sie für ihre Kinder erste sportliche Vorbilder sein. Aber auch ohne eigene Sporterfahrung können Eltern in ihre Rolle als Schwimmereltern hineinwachsen.
Am Anfang stehen Spaß und Vielseitigkeit
In einem Artikel der Deutschen Sporthochschule Köln aus dem Jahr 2014 zum Thema „Eltern im Leistungssport“ wird über ein Elterncoaching berichtet, welches für Eltern zweier Jugendmannschaften eines Zweitligisten im Fußball entworfen wurde. Interessant ist das darin vermittelte dreistufige Phasenmodell, welches sich auch gut auf den Schwimmsport übertragen lässt. Demnach sollte zu Beginn der Spaß an der Bewegung und der Fokus auf Lernerfolge stehen. Im weiteren Verlauf sollten Eltern ihre Kinder gezielt unterstützen und mit sanftem Druck an das Training erinnern. In der dritten Phase sollten sich die Eltern sich dann immer weiter zurücknehmen und den Kindern neben emotionalem Rückhalt eine finanzielle Sicherheit geben und bei Bedarf als Berater zur Verfügung stehen.
Der Deutsche Schwimmverband betont in seiner „Nachwuchskonzeption Schwimmen 2020“ die Wichtigkeit einer vielseitigen, motorischen Grundausbildung der Kinder. Hier sind Eltern und Trainer gleichermaßen gefordert, den Kindern spielerisch vielseitige Bewegungserfahrungen zu ermöglichen. Sportliche Bewegung unterstützt Kinder nicht nur in ihrer motorischen Entwicklung, sondern beeinflusst außerdem maßgeblich die Entwicklung der Persönlichkeit. Schwimmereltern können feststellen, dass sich ihre Kinder mit der Zeit immer besser, losgelöst von Mama und Papa, im Sportumfeld gemeinsam mit anderen Sportlern zurechtfinden und dort auch behaupten. Diese Selbständigkeit gilt es als Eltern zu fördern und zu unterstützen.
Organisatoren des Schwimmalltags
Im Volksmund heißt es „ohne Fleiß kein Preis“ und im Schwimmsport ist diese Aussage nur allzu wahr. Für den schwimmsportlichen Erfolg sind neben Talent vor allen Dingen sehr viel Fleiß und Disziplin gefragt. Je länger die Kinder im Wettkampfsport Schwimmen aktiv sind, umso höher wird der wöchentliche Trainingsaufwand und damit auch der Aufwand, der für Fahrtzeiten zum Training eingeplant werden muss. Viele Schwimmer müssen gemeinsam mit ihren Eltern täglich den Spagat zwischen Schule, Training und Freizeit meistern. Insbesondere die Distanz zur Trainingsstätte und die Anbindung mit dem öffentlichen Nahverkehr sind dabei wichtig. Während es bei jüngeren Sportlern nach wie vor unerlässlich ist, dass Eltern ihre Kinder auf der Fahrt zum Training begleiten, sollte mit zunehmendem Alter die Autonomie auch im eigenständigen Zurücklegen der Wege zum und vom Training gefördert werden.
Schwimmereltern können ihre Kinder gezielt unterstützen, indem sie den Familienalltag weitgehend nach dem Sport ausrichten. Das kann der für einen Wettkampf verschobene Familienausflug sein oder das Elterntaxi, um dem Kind einen kleinen Gewinn an Freizeit, an mehr Zeit zum Lernen oder einfach an Erholungszeit zu verschaffen. Eltern sollten dabei im Schwimmalltag ihrer Kinder auf eine Balance zwischen Trainingsbelastung und Erholung zu Hause achten. Damit Kinder im Leistungssport langfristig aktiv und erfolgreich sein können, spielen Erholungsphasen durch Freizeit und genügend Schlaf eine große Rolle. Auch das Thema gesunde und ausgewogene Ernährung trägt zu einer besseren Regeneration nach einem harten Training bei und sollte von den Eltern gefördert werden.
Sobald die Kinder an den ersten Schwimmwettkämpfen teilnehmen, bestimmen dann frühes Aufstehen, Hin- und Herfahrten zu den Wettkampfstätten und das Vorbereiten der obligatorischen „Fresspakete“ für lange Wettkampftage die Wochenendplanung der Familie. Wer den Verein und somit auch seine Kinder in einer besonderen Art unterstützen möchte, kann sich als Kampfrichter engagieren. Eine Vorerfahrung ist zwar hilfreich, wird aber nicht vorausgesetzt. Jeder Verein freut sich immer über Elternengagement als Kampfrichter, denn ohne „Karis“ gibt es keine Wettkämpfe. Als neutrale Beobachter sind Eltern als solche nah am Wettkampfgeschehen dran, entwickeln ein besseres Verständnis für die spezifischen Anforderungen im Schwimmsport und können so noch viel direkter am Sport ihrer Kinder teilhaben.
Finanzielle Unterstützung und emotionaler Rückhalt
Zum Schwimmen braucht man nicht viel, denn Badebekleidung, Kappe und Schwimmbrille reichen aus, denken Eltern, die noch neu im Schwimmsport sind. Doch schnell merken sie, dass dies im Wettkampfsport bei weitem nicht ausreicht. Ausrüstungsgegenstände wie Brett, Pullbuoy, Paddles, Schnorchel und Kurzflossen kommen dazu. Kaum sind die ersten Wettkämpfe geschwommen, fragen die Kinder nach Wettkampfanzügen und -hosen. Auch hier reicht die einfache Ausstattung irgendwann nicht mehr aus und das Zauberwort « Carbon » fällt. Spätestens dann, gehen für ein klitzekleines Stückchen Stoff mehrere Hundert Euro über den Ladentisch. Hinzu kommen Kosten für Trainingslager und Wettkampfreisen, bei denen insgesamt schnell drei bis vierstellige Beträge zusammenkommen können.
Neben der finanziellen Unterstützung ist es in dieser Phase wichtig, dass sich die Eltern immer mehr zurücknehmen, zwar beratend und emotional zur Seite stehen, aber die sportliche Leistungsmotivation von den Kindern selbst kommt. Je weiter Kinder die „Karriereleiter“ im Schwimmsport hinaufklettern und an ersten regionalen bis hin zu nationalen oder gar internationalen Meisterschaften teilnehmen, umso wichtiger wird der emotionale Rückhalt durch die Eltern. Gerade wenn es mal nicht gut läuft und Kinder mit Niederlagen oder gar Verletzungen umgehen müssen, hilft es, wenn Eltern ihre Kinder emotional unterstützen. Auch der Umgang mit Erfolg und Erfolgsdruck sollte geübt werden. Druck kann von außen, wie zum Beispiel dem Trainer, oder vom Sportler selbst kommen. Schwierig wird es dann, wenn ein solcher „Überehrgeiz“ primär von den Eltern ausgeht. Eltern sollten sich deshalb immer bewusst sein, dass der Grat zwischen gut gemeintem Motivieren und Erfolgsdruck ausüben recht schmal ist.
Meine Sichtweise als Trainer
Als Trainerin des jüngsten Wettkampfnachwuchses in einem Schwimmverein empfinde ich es als meine Pflicht, die Eigenmotivation der Kinder zu fördern, aber auch regelmäßig zu überprüfen. Für mich gibt es nichts Schlimmeres, als ein Leistungsschwimmer, der nie wieder eine Schwimmhalle von innen sehen möchte, weil er als Kind zum Schwimmsport „gezwungen“ wurde. Lieber rechtzeitig den Weg aus dem Leistungssport suchen und ein Leben lang den Spaß am Schwimmen behalten. Nicht nur die Einstellung der Kinder zum Wettkampfsport ist wichtig, sondern auch die der Eltern. Es hilft, wenn Eltern die an sie gestellten Anforderungen verstehen, Verständnis für den hohen Aufwand haben und ihre Kinder im Sport voll unterstützen. Wichtig ist dabei der offene Dialog zwischen Eltern und Trainern. Dabei erwarte ich von Eltern, dass sie mir als Expertin am Beckenrand vertrauen und mir das Training sowie die Bewertung von Technik und Leistungen überlassen. „Zu viele Köche verderben den Brei“, heißt es und so ist es auch mit vielleicht gut gemeinten Tipps von Eltern zur Schwimmtechnik oder dem Rennverlauf ihrer Kinder. Ich empfehle Eltern außerdem, dass sie sich untereinander vernetzen, um die organisatorischen Herausforderungen als Schwimmereltern gemeinsam zu meistern.
Aus Erfahrung kann ich sagen, dass die Rolle als Schwimmereltern nicht immer einfach ist. Sie erfordert einiges an persönlichem und finanziellem Engagement sowie häufig auch viel Kreativität in der Familienorganisation, aber sie wird dadurch belohnt, dass Kinder im Schwimmsport so viel mehr lernen als „nur" schnell zu schwimmen.
Da mein Sohn bei seinem ersten Wettkampf mit „leeren Händen“ nach Hause fuhr, entschloss ich mich noch am selben Abend, ihm eine Teilnehmerurkunde am Computer zu gestalten. Zusammen mit einer kleinen Tüte Gummibärchen versteckte ich die Urkunde heimlich in unserem Briefkasten. Als mein Sohn den Umschlag und seinen Inhalt am nächsten Morgen fand, strahlten seine Augen überglücklich. Kurz darauf fragte er mich, wann der nächste Wettkampf stattfindet. Seine Begeisterung für den Wettkampfsport Schwimmen war geweckt, den er bis heute – mehr als 10 Jahre später – nun auch gemeinsam mit seiner jüngeren Schwester ausübt.
Dieser Artikel erschien in der Herbstausgabe 2022 des swimsportMagazine. Alle noch verfügbaren Ausgaben der Zeitschrift für den Schwimmsport können im großen swimsportMagazine-Paket bestellt werden. Zum Sonderpreis erwarten euch hier mehr als 1500 Seiten geballtes Schwimmwissen --> Das swimsportMagazine-Paket