(10.07.2024) Dass es viele deutsche Schwimmerinnen und Schwimmer während des Studiums immer öfter zum Trainieren in die USA zieht, ist keine Seltenheit mehr. Den Weg ins Ferne Australien zu wählen, wie es Josha Salchow vor einigen Jahren tat, ist bislang hingegen eine Rarität, die aber ähnliches Erfolgspotential zu haben scheint.

Denn Anfang des Jahres gelang es Josha Salchow nicht nur, sich erfolgreich für seine ersten Olympischen Spiele zu qualifizieren, sondern zudem auch den Deutschen Rekord über die 100m Freistil zu knacken. Ursprünglich kam der 25-Jährige für ein Auslandssemester ins australische Adelaide, wo er mittlerweile seit 2022 trainiert. Die Entscheidung über den zukünftigen Trainingsstandort traf der Heidelberger gemeinsam mit Bundestrainer Hannes Vitense. Die USA waren aufgrund der Jahresstruktur am College für ein Auslandssemester keine Option und generell zog es Josha eher weniger an die amerikanischen Unis. Auch andere Orte in Europa waren nicht die erste Wahl, denn "es sollte irgendwie etwas Besonderes sein", erzählt der Freistilspezialist im Interview mit uns. Hannes Vitense war es dann auch, der letztendlich den Kontakt zum australischen Trainer Peter Bishop ("Bish") herstellte, bei dem auch absolute Weltstars wie Olympiasieger Kyle Chalmers lange ihre Bahnen zogen. Der Umzug nach Australien war nichtsdestotrotz durch viel Ungewissheit geprägt, denn die komplette Trainingsgruppe war Josha Salchow bis dato nicht persönlich bekannt. "Ich kannte hier niemanden und wusste überhaupt nicht, was mich erwarten würde", erinnert er sich.

"Meine Leistungen haben gezeigt, dass ich den richtigen Weg eingeschlagen habe."

Das Ankommen und Einleben in der neuen Heimat Adelaide verliefen trotz auffallender Unterschiede im Trainingsansatz sehr rund, was sich seitdem in starken sportlichen Leistungen widerspiegelt. Das Training sei oftmals intensiver und der Fokus auf Sprints und Technik stehen für den deutschen Gast oft im Mittelpunkt. Auch die trainingswissenschaftliche Innovation sei größer und die Inspiration für neue Trainingskonzepte wird oftmals von anderen Sportarten übernommen. Joshas Trainingsgruppe um Matthew Temple und Brittany Castelluzo zeichnet sich zudem durch eine ausgezeichnete Gruppendynamik und ein großes Zugehörigkeitsgefühl aus.

Das Training mit Australiens Schwimm-Assen wie Kyle Chalmers oder Matthew Temple war zu Beginn etwas ganz Besonderes: "Du kennst die Leute aus dem Internet und aus dem Fernsehen. Du weißt was sie drauf haben. Aber je länger du mit ihnen zusammen trainierst, desto mehr merkst du, dass die alle ganz normale Menschen mit ganz üblichen und alltäglichen Herausforderungen sind. Und alle komplett auf dem Boden geblieben". Das Gefühl so richtig dazu zu gehören, kam erstmals bei der gemeinsam absolvierten Weltcup-Serie noch im selben Jahr auf. Über die Australier bekam Josha Salchow Zugang zu anderen internationalen Schwimmgrößen. "Es ist insgesamt wirklich eine große Chance und eine große Ehre", reflektiert er. Aufgrund der durchweg positiven Erfahrungen in den ersten Monaten, entschied sich der mehrfache Deutsche Meister über sein Auslandsemester hinaus in Australien bleiben und dort bis zur unmittelbaren Wettkampfvorbereitung für die Olympischen Spielen zu trainieren.

Nach Paris geht es für Josha dann offiziell wieder zurück an den Stützpunkt in Heidelberg, wo der gebürtige Bonner 2018 von der Sportschule in Potsdam hin wechselte. Der Fokus soll dann erstmal auf den Studiensabschluss der Betriebswirtschaft gelegt werden. "Langfristig kann ich mir aber durchaus gut vorstellen, wieder nach Australien zu gehen", blickt er voraus. Aus sportlicher Sicht wäre diese Entscheidung dann jedoch an die Zustimmung der Sportförderung der Bundeswehr, des DSV sowie vom australischen Schwimmverband gekoppelt - denn der zweijährige Trainingsausflug nach Adelaide wurde erst durch eine Ausnahmegenehmigung möglich gemacht.

 "Ich habe mir meinen Weg so gebaut, wie ich das für richtig erachtet habe. Und es hat sich ausgezahlt."

Zunächst einmal steht für Josha Salchow jedoch seine olympische Premiere bevor. Der Deutsche Rekordhalter wird neben seiner Paradestrecke 100m Freistil auch mit einigen Staffeln ins Wettkampfgeschehen eingreifen. Die Olympianorm knackte er Anfang des Jahres direkt im ersten Anlauf, im Vorlauf bei den Berlin Swim Open. Nachdem er Olympia in Tokio nur knapp verpasst hatte, war Josha voller Optimismus zu den Qualifikationswettkämpfen nach Deutschland gereist. Alles hatte daraufhin gedeutet, dass es mit der erfolgreichen Quali für Paris klappt. Die Vorleistungen während der Saison waren vielversprechend und keine Erkrankung unterbrach den Trainingsprozess. Auch aus dem australischen Team gab es viel positiven Zuspruch. Im Finale setzte er mit dem Deutschen Rekord dann noch einen oben drauf und schwamm in 47,85 Sekunden erstmalig unterhalb die Marke von 48 Sekunden - ein Ziel, das für Josha seit vielen Jahren präsent war. Obwohl er schon einige Male als Teil der deutschen Nationalmannschaft bei internationalen Titelkämpfen zum Einsatz gekommen ist, werden die 100m Freistil in Paris Joshas ersten internationalen Einzelstart darstellen. Bislang war er stets lediglich als Staffelschwimmer mit dabei - unter anderem bei der Kurzbahn WM 2022 in Melbourne, wo Josha Salchow und Co. über die 4x50m Lagenstaffel mit einem Deutschen Rekord glänzen konnten. 

"Man hat eine Bahn, eine Chance und man muss schauen, was dabei rumkommt"

Rückblickend sagt Josha aber auch, dass er in den letzten Jahren ein bisschen unter dem Radar geschwommen ist. Mit der erfolgreichen Olympiaqualifikation ist dieses Kapitel nun aber zweifellos zu Ende. In Paris rechnet sich der erstmalige Olympionike gute Chancen aus, über die 100m Freistil mindestens bis ins Halbfinale zu schwimmen. Anhand von Datenblättern wurde prognostiziert, dass seine Bestzeit von 47,85 Sekunden auch für einen der begehrten Finalplätze reichen könnte, aber die internationale Konkurrenz wird stark sein. Am selben Tag wird für Josha zudem auch die 4x200m Freistilstaffel auf dem Plan stehen, wo das deutsche Quartett ebenfalls Finalhoffnungen hegt, denn "der deutsche Schwimmsport ist mittlerweile auf dem aufsteigenden Ast und muss sich nicht verstecken". Neben den sportlichen Ambitionen möchte Josha aber vor allem das Event als solches genießen und emotional präsent sein. Das sei ebenfalls etwas, das er in Australien verstärkt gelernt habe.

Die olympischen Titelkämpfe in Paris sollen für Josha Salchow nicht die Letzten sein. Vielleicht geht es für ihn dann spätestens 2032 für die Olympischen Spiele in Brisbane zurück nach Australien.

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