Medisports Network

(22.04.2019) Bei Jahrgangsmeisterschaften, Qualifikationen für internationale Jugendwettkämpfe und die Einteilung in Kader werden die Nachwuchsschwimmer in Altersklassen eingeteilt. Dabei treten alle Athleten, die im selben Jahr zwischen Januar und Dezember geboren sind, in der gleichen Altersklasse (AK) an. Der genaue Geburtstag spielt für die AK keine Rolle. Dass diese Einteilung nicht immer ganz fair für alle ist, zeigt das aktuelle Beispiel einer Familie, die aus diesem Grund sogar eine Petition ins Leben gerufen hat. 

Die Kalmbachs sind eine sportliche Familie, die im Jahr 2016 aus Australien zurück in die alte Heimat Deutschland gekehrt ist. In Brisbane haben die beiden Söhne von Mutter Dorothea das Schwimmen kennen und lieben gelernt. Seit sie zurück in ihre Heimatstadt Heidelberg gekommen sind, will - besonders für den Ältesten der beiden - der Spaß an ihrem Hobby nicht so ganz wieder aufkommen. Er trainiert beim SV Nikar Heidelberg und kämpft dort in seiner Altersklasse um landesweite Erfolge. Dabei hat der Vierzehnjährige nur einen Nachteil: als Ende Oktober geborenes Kind tritt er oft gegen Konkurrenten an, die zum Teil gut ein halbes Jahr älter sind als er, da sie am Anfang des Jahres geboren wurden. Auch im Hinblick auf Kaderzeiten und Normen, die er an seiner Schule erreichen muss, um mehr Zeit für seinen Sport zugestanden zu bekommen, steht ihm sein später Geburtstag im Weg.

In Australien konnte der Sohn von Frau Kalmbach in seiner Altersklasse oft noch sehr gut mitreden, da dort nicht der 31. Dezember, sondern der genaue Geburtstag als maßgeblicher Stichtag für die Alterseinteilung gilt. Seit die Kalmbachs zurück in Deutschland sind, macht sich Mutter Dorothea aber Sorgen um die Motivation ihrer Kinder, denn auch ihr zweiter Sohn ist ein Spätgeborener. Dabei hat sie sogar Angst ihre Kinder könnten ganz mit dem Schwimmen brechen: „Ich will, dass die beiden Spaß am Schwimmen haben, aber habe doch Angst, dass sie deshalb irgendwann komplett die Motivation verlieren und hinschmeißen!“

Die Altersproblematik – ein Dauerthema

Die Kalmbachs sind mit ihrem Problem in Deutschland nicht allein. Immer wieder kommt die Diskussion über eine sinnvolle Alterseinteilung im Nachwuchssport auf. Deshalb haben sich auch schon einige Studien mit dem Thema befasst. Sie belegen, dass die Problematik sogar Folgen bis in den Erwachsenenbereich hat. Eine Untersuchung aus dem Jahre 2011 sah sich so zum Beispiel die Altersverteilung von 235 deutschen Kaderschwimmern (A- bis D-Kader) der Saison 2008/09 an. Die Forscher stellten dabei eine enorme Abweichung zwischen den in einem Jahr früh- und spätgeborenen Sportlern fest. Der Studie zufolge sind 34 Prozent der Kader im ersten Quartal geboren, wohingegen gerade einmal 10,2 Prozent im letzten Viertel des Jahres Geburtstag haben. Besonders im jungen Alter von zehn bis vierzehn Jahren macht sich der Unterschied bemerkbar, da die physische und psychische Entwicklung in diesem Altersbereich sehr rasch voranschreitet. Athleten, die fast ein Jahr mehr Zeit zum Trainieren, Erfahrungen sammeln und vor allem für die körperliche Entwicklung haben, sind also unbestritten im Vorteil im Kampf um Normen und Kaderplätze. Spätgeborenen Sportler, die ihrem Jahrgang in der Entwicklung immer knapp hinterher laufen, entgeht leichter die Kader-Förderung, da ihnen knapp ein Jahr weniger Zeit bleibt die entsprechenden Normen zu schwimmen im Vergleich zu den im Januar geborenen Kindern.

Kritiker der bisherigen Regelung argumentieren, sie führe dazu, dass manche talentierte, spätgeborene Sportler dadurch durchs Raster fallen. Sie werden nicht im ausreichenden Maße motiviert und gefördert. Andere, möglicherweise weniger talentierte, frühgeborene Schwimmer hingegen werden ungerechter Weise bevorteilt. Die spätere Altersriege verpasst Lehrgänge, die sie technisch und konditionell weiterbringen würden und es entgeht ihnen hilfreiche finanzielle Unterstützung durch die Verbände. Hierdurch gegebenenfalls ausbleibende Erfolge führen dann dazu, dass die benachteiligte Altersschicht weniger motiviert ist, was zusätzlich leitungshemmend wirkt. Weniger Fördermaßnahmen und Motivation haben eine geringere Leistungssteigerung zu Folge. Das führt wiederum zu weniger Förderung – ein Teufelskreis.

Wie geht es im Ausland?

In den Schwimmnationen USA und Australien wird man bei Events im Gegensatz zu Deutschland genau nach seinem Geburtstag in eine Altersklasse eingeteilt. Wenn man z.B. am Anfang eines einwöchigen Wettkampfes 16 Jahre alt ist, so wird man für die gesamte Woche als 16-Jähriger gewertet, auch wenn man währenddessen 17 wird. Der Vorteil hierbei liegt darin, dass die Jugendlichen auch so lange in ihrer AK starten, bis sie ein ganzes Jahr gealtert sind. Ein Dezember-Kind hat also die selbe Zeit sich in seiner Altersklasse zu entwickeln, wie ein Kind, dass im Januar geboren ist. Besonders wenn es um das Erreichen von Kadernormen geht, kann das von Vorteil sein. Der Spätgeborene hat so noch das ganze Jahr Zeit, sich in seiner AK für einen Kader zu empfehlen, wohingegen im Februar geborene Schwimmer ihre Normen bis Anfang des Jahres erbracht haben müssen. Der Nachteil dieser Regelung ist hingegen, dass viele Wettkampfhöhepunkte immer in der selben Zeit des Jahres stattfinden. Eine Deutsche Jahrgangsmeisterschaft wird so zum Beispiel immer in den frühen Sommermonaten ausgetragen. Sportler, die dann beispielsweise im April Geburtstag haben, wären dann stets die jüngsten in ihrer AK und somit die neuen „Dezember-Kinder“. Selbige Probleme werden auch in US-amerikanischen Medien beschrieben. 

Welche Lösungsansätze gibt es?

Die Frage ist nun: Wie kann eine möglichst faire Lösung aussehen? Es existieren Vorschläge, die Kinder nach ihrem biologischen Alter einzuteilen. Das bedeutet, dass herausgefunden werden soll, wie weit ein Jugendlicher tatsächlich im Vergleich zu seinen Altersgenossen entwickelt ist. Das biologische Alter ließe sich beispielsweise anhand des Zahnalters oder sekundärer Geschlechtsmerkmale bestimmen. Aufgrund erheblicher ethischer Zweifel und wegen des damit einhergehenden enormen ökonomischen Aufwands erscheint dieser Ansatz jedoch wenig sinnvoll.

Durchaus praktikabel hingegen ist ein anderer Vorschlag von Altersforschern. Der Ansatz der Wissenschaftler bezieht sich auf die Organisationsstruktur der Verbände. Für die Kaderauswahl halten sie die Einteilung nach kalendarischem Alter am Wettkampftag, sowie eine Quotenlösung für Spätgeborene für sinnvoll. Durch den variablen Stichtag komme jeder im Verlauf der Saison einmal in die Position, die gewünschte Kadernorm möglichst spät im eigenen Geburtsjahr anzugreifen. Die Quote würde zudem der abfallenden Anzahl später im Jahr geborener Kaderathleten entgegenwirken. Der Lösungsansatz sieht desweiteren vor, die Wettkampfstruktur weg von einem Hauptwettkampf am Ende der Saison, hin zu einer Serie von wichtigen Wettkämpfen zu bewegen. So kämen alle Athleten einmal in die Position des relativ Früh- bzw. Spätgeborenen.

Eine weitere Idee von Forschern ist die exakte Berechnung von individuellen Qualifikationszeiten in Abhängigkeit vom Geburtsmonat. Die Umsetzung beim Wettkampf würde jedoch sowohl für Zuschauer, als auch für die Athleten als zu undurchsichtig befunden werden. Für die Kaderauswahl hingegen könnte dies tatsächlich eine praktikable Lösung sein. Aus der Fülle an Vorschlägen, die alle mit gewissen Nachteilen verbunden sind, wird ersichtlich, dass es wahrscheinlich nie eine Lösung geben, die allen Athleten hundertprozentig gerecht wird. Umso wichtiger ist es, sich der Folgen der Problematik bewusst zu sein und sie bei der Bewertung von Leistungen zu berücksichtigen.  

Eine Petition als Diskussionsanstoß

Dorothea Kalmbach und ihre Kinder fühlten sich zunächst allein gelassen mit ihrem Problem. Als die Grundschullehrerin ihre Sorge dann aber mit anderen Müttern teilte, kam heraus, dass auch weitere Kinder unter der Altersklassenproblematik leiden. Daraufhin beschloss sie zu handeln und telefonierte u.a. mit Verantwortlichen des Deutschen Schwimm-Verbandes. Lösungen hatten die jedoch keine parat. Ihre Argumente, so fasst die 41-Jährige zusammen, waren, dass es in Deutschland schon immer so gewesen wäre und es eben schwer sei, etwas daran zu ändern. Nach einigem Hin und Her entschied sich Frau Kalmbach dann zusammen mit anderen Vereinsgenossen einfach eine Petition ins Leben zu rufen, bei der jeder seine Stimme für eine Reform des aktuellen Systems abgeben kann. „Wir haben die Petition gestartet, weil wir zum Nachdenken anregen wollten. Wir sind keine erfolgshungrigen Eltern, die um jeden Preis ihr Kind auf dem Podest stehen sehen wollen. Vielmehr machen wir uns Sorgen, dass einige Kinder durch die Regelung auf der Strecke bleiben und so die Lust an diesem tollen Sport verlieren.“ 

Die vierfache Mutter ist sich bewusst, dass es schwer wird, eine für jeden Athleten perfekte Lösung zu finden. Es gehe ihr vielmehr darum, für das Thema zu sensibilisieren und Kindern auf ihrem Weg an die nationale und internationale Spitze die selben Entwicklungschancen zukommen zu lassen. Lösungsansätze wie die oben beschrieben könnten hierbei zumindest in Betracht gezogen werden und vielleicht kann eine offene Diskussion über die Problematik die Richtung hin zu einer fairen Gesamtlösung bieten.

Wer sich weiter über das Thema informieren will und die Petition unterstützen möchte, kann dies unter folgendem Link tun: https://www.openpetition.de/petition/online/gleiche-bedingungen-und-chancen-fuer-unseren-leistungsorientierten-schwimmnachwuchs#petition-main

 .