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(10.10.2021) Wenn das olympische Feuer aus ist und es für Teilnehmenden zurück in den Alltag geht, stellt sich vielen eine schwierige Frage: Was jetzt? Nach dem physischen und mentalen Höhepunkt der Olympischen Spiele ist die Phase danach eine Herausforderung. Mit Sarah Köhler und Jacob Heidtmann berichten hier zwei der erfahrensten Mitglieder der deutschen Nationalmannschaft über ihre Zeit nach Tokio 2021 und machen zum World Mental Health Day deutlich, wie wichtig die mentale Komponente in unserem Sport nicht nur für Höchstleistungen, sondern auch für die Phase nach dem Wettkampf ist.


Als Sarah Köhler in Tokio bei der Siegerehrung das Podest betritt, endet nicht nur Schwimm-Deutschlands 13-jährige Durststrecke bei Olympischen Spielen, es erfüllt sich vor allem ein persönlicher Traum. „In so einem riesigen Stadion zu stehen, die Fahnen hochgehen zu sehen und zu wissen, ich habe gerade eine olympische Medaille um den Hals hängen, gehört definitiv zu den besten Momenten,“ so die 27-Jährige. Es ist der bisherige Höhepunkt ihrer sportlichen Karriere, trotzdem beschäftigt sie danach eine Frage immer wieder: „Was passiert denn jetzt noch?“

Warum ist die Zeit nach Olympia so schwierig?

Oliver Stoll, Professor für Sportpsychologie an der Uni Halle, arbeitet regelmäßig mit Hochleistungssportlern und kennt das Problem, wenn ein großes sportliches Ziel plötzlich hinter, statt vor einem liegt. Denn wenn das geschafft ist, worauf man mindestens vier Jahre, aber vermutlich ein halbes Leben lang hingearbeitet hat, steht man erstmal irgendwie im Nichts. „Das Verlorengehen in einem ziellosen Raum ist für jemanden, der hochleistungsmotiviert ist, ein fast unerträglicher Zustand,“ so Stoll.

Doch bei Olympioniken entsteht das Problem meistens nicht nur durch den Verlust des Ziels. Hier kommt erschwerend hinzu, dass das Erlebnis bei den Spielen ein derartig euphorisches Feuerwerk ist, dass bei der Rückkehr in den Alltag eine harte Landung inmitten des Alltags wartet. Obwohl das Problem prinzipiell alle treffen kann, die sich lange auf ein Ziel vorbereitet haben, ist es speziell das Hochgefühl der Olympischen Spiele, das Schwierigkeiten in der Zeit danach verursacht. Deshalb hat das Problem in diesem Zusammenhang auch seinen eigenen Namen: Post Olympic Blues (POB).

„Das Verlorengehen in einem
ziellosen Raum ist für jemanden, 
der hochleistungsmotiviert ist,
ein fast unerträglicher Zustand.“

POB betrifft dabei laut einer Studie alle Teilnehmenden bei Olympia - allerdings unterschiedlich stark. In der Regel handelt es sich um depressive Phasen, die mit einer traurigen Grundstimmung, Energie- und Antriebslosigkeit und auch Schlafproblemen verbunden sein können. Meistens verschwinden diese Symptome nach zwei bis drei Wochen auch ohne Therapie. „Wenn es aber länger als vier Wochen anhält, ist das ein eindeutiges Zeichen, dass man professionelle Hilfe suchen sollte,“ so Stoll.

Von Wolke 7 zurück auf den Boden der Tatsachen

Jacob Heidtmann kennt dieses Gefühl nach Olympischen Spielen nur allzu gut. „Du bist drei Wochen jeden Tag umgeben von ganz vielen Menschen. Das ist super aufregend, dann hast du deinen Wettkampfhöhepunkt, wo alles noch mal aufregender ist - und dann kommst du auf einmal von Wolke 7 auf den Boden der Tatsachen zurück“, beschreibt er diese ganz spezielle Zeit, nachdem das olympische Feuer erloschen ist. 

Für den gebürtigen Pinneberger waren die Events in Tokio schon die zweite Erfahrung bei den Spielen. Besonders die Phase nach den Wettbewerben 2016 in Rio war für ihn eine Herausforderung. Kurze Erinnerung: Heidtmann schwamm damals im Vorlauf über die 400m Lagen Deutsche Rekordzeit und hätte sich für das Finale qualifiziert, wäre er nicht nach einer umstrittenen Entscheidung disqualifiziert worden.

"Das ist super aufregend -
und dann kommst du auf einmal von Wolke 7
auf den Boden der Tatsachen zurück."

An seinem unfassbar bitteren Olympiadebüt hatte der mittlerweile 26-Jährige lange zu knabbern. „Das war hart. Ich habe mir etwa 12 Wochen danach frei genommen, bin gar nicht geschwommen und habe acht oder neun Kilo zugenommen.“ Mithilfe seiner Familie und seinem Sportpsychologen konnte sich Heidtmann aber aus diesem Loch befreien. Tokio wollte er deshalb dazu nutzen, seine olympische Erinnerung zu korrigieren.

Obwohl Heidtmann sein persönliches Ziel, ein olympisches Einzelfinale, in diesem Jahr verpasst hat, ist er dennoch zufrieden mit seiner Leistung. Über die 4x200m Freistil stand er im Finale und konnte bei fast allen Strecken mit Bestzeiten glänzen. Auch wenn ihn die diesjährige Nach-Olympia-Phase im Vergleich zu 2016 vor nicht allzu große Probleme gestellt hat, war sie trotzdem eine Herausforderung.  Schwierig war diesmal unter anderem die gestiegene Anspannung durch die fünfjährige Vorbereitung auf Tokio, was bei Heidtmann Auswirkungen auf die Zeit danach hatte. „Dadurch habe ich ein bisschen mehr Zeit gebraucht, um das Ganze zu verarbeiten und einzuordnen.“ Das ist ihm mittlerweile gelungen. "Es ist gar nicht so schlimm, wenn man sich nur kurz neu orientieren muss“, meint der erfahrene Nationalschwimmer.

Der Erfolg stellt Sarah Köhler vor Herausforderungen

Auch für Sarah Köhler war Tokio nach den Spielen 2016 in Rio die zweite Olympiateilnahme. Während sie sich vor fünf Jahren noch mit dem achten Platz über die 800m anfreunden musste, erfüllte sich in diesem Sommer auf der 1500m-Strecke der große Traum einer olympischen Medaille. Die totale Zufriedenheit über diesen riesigen Erfolg hält bis heute an und der Satz, den sie während der Siegerehrung zu ihrem Trainer Bernd Berkhahn sagte, beschreibt auch ihre Gefühlslage nach der Rückkehr: „Ich hab’s geschafft!“ Ein paar kurze Worte, in denen viel mitschwingt. Auf der einen Seite natürlich die Freude über den Erfolg, andererseits aber auch die harten Mühen und Entbehrungen der vergangenen Jahre, die dafür notwendig waren. Und: Ein wenig steckt darin auch die Erkenntnis, dass ein großes Kapitel nun abgeschlossen ist.

Das olympische Edelmetall glänzt - und wirft doch einen kleinen Schatten. „Ich habe so lange darauf hingearbeitet und hatte immer dieses Ziel vor Augen: Ich möchte eine olympische Medaille haben. Natürlich bin ich superglücklich mit der Medaille. Es gab aber auch Momente, in denen ich gedacht habe: Ok, jetzt bin ich an einem Punkt, wo ich fast alles erreicht habe, was ich mir für meine sportliche Karriere mal vorgenommen habe. Was passiert denn jetzt noch?"

Es erscheint paradox, dass der Erfolg am Ende dafür verantwortlich ist, dass die Zeit nach den Spielen 2021 für Köhler schwieriger ist als noch vor fünf Jahren. Damals war für sie direkt klar, dass sie zeigen möchte, dass mehr in ihr steckt. Diesmal fiel die Zielsetzung zunächst schwer. Doch trotz dieser besonderen Herausforderung: Von der typischen traurigen Grundstimmung des Post Olympic Blues sei sie nur ein bisschen betroffen gewesen, erzählt Sarah Köhler, die ihren sportlichen Fokus mittlerweile auf die WM im Mai 2022 gerichtet hat und in Zukunft auch die 10km im Freiwasser ausprobieren möchte. Was sowohl Köhler als auch Heidtmann in den kritischen Phasen nach Olympia geholfen hat: Sportpsychologische Unterstützung.

Was gegen POB hilft

Der Post Olympic Blies betrifft nahezu alle, die bei Olympia an den Start gehen durften. Was kann man also dafür tun, um diese Phase so problemlos wie möglich zu gestalten? Das hat vor kurzem eine australische Studie untersucht und dabei herausgefunden, dass besonders die persönliche Zufriedenheit mit der Leistung, die vorherige Planung der Zeit nach Olympia und die Verfügbarkeit von Unterstützung einen positiven Einfluss hatten.

Ein weiterer Faktor, der die POB-Phase mildert, ist laut Franka Weber, die als Psychologin u.a. für den Deutschen Schwimm-Verband tätig ist, sich nicht nur über den Sport zu definieren. „Wenn der Sport alles ist, was für mich zählt, dann ist es natürlich schwierig, wenn das auf einmal weg bricht oder wenn ich eben nicht den Erfolg gebracht habe, den ich wollte.“ Wenn man Köhlers und Heidtmanns ehrgeizige private Pläne hört, erkennt man, warum sie sanft durch die Zeit nach Tokio gekommen sind. Obwohl beide aktuell verletzungsbedingt mit dem Training kürzer treten müssen, haben sie einiges zu tun. Köhler bereitet sich auf das Staatsexamen im Jurastudium nächstes Jahr vor, während Heidtmann vor kurzem aus San Diego zurück nach Hamburg gezogen ist und jetzt das Sozialökonomie-Studium wieder aufnimmt.

 „Überall wo der Begriff ‚Psychologie‘ drinsteckt,
wird das mit Krankheiten oder Störungen assoziiert.“

Insgesamt beschreibt Weber das sportpsychologische Angebot des DSV als besonders niedrigschwellig. Den Mitgliedern der Bundeskader steht je nach Kaderstufe eine gewisse Stundenzahl zur Verfügung - ohne vorher einen Antrag stellen zu müssen. On top gibt es für Mitglieder der Olympiamannschaft und Sportler mit Medaillenchance weitere Stunden. Beratungen vor Ort auf Wettkämpfen wie in Tokio zählen dabei nicht in das Stundenkontingent und sind frei.

Dieses Angebot des DSV bewerten sowohl Köhler als auch Heidtmann positiv und sehen klare Fortschritte gegenüber vergangener Jahre. Allerdings hilft selbst das beste sportpsychologische Angebot nichts, wenn es nicht angenommen wird. Sowohl Oliver Stoll als auch Franka Weber berichten davon, dass es trotz allen Bemühungen immer noch eine Hemmschwelle im Sport gibt, psychologische Hilfe zu nutzen. „Überall wo der Begriff ‚Psychologie‘ drinsteckt, wird das mit Krankheiten oder Störungen assoziiert,“ kritisiert Weber.

Dass diese Scheu vollkommen unbegründet ist, unterstreichen Köhler und Heidtmann. Beide sprechen offen über ihre Zusammenarbeit mit Sportpsychologen und betonen, wie wichtig diese Unterstützung für ihre Leistung ist. So hatten beide während ihrer Zeit in Tokio regelmäßig Kontakt zu ihren Psychologen und auch nach den Olympischen Spielen hatten sie in diesen wichtige Ansprechpartner für die Aufarbeitung.

Beide haben aus 2016 gelernt

In der Phase nach Tokio hat beiden außerdem die Erfahrung von 2016 geholfen. Besonders Jacob Heidtmann hat aus der schwierigen Zeit nach Rio gelernt. Er versucht dieses Mal beschäftigt zu bleiben und seine Gefühlslage deutlicher an sein persönliches Umfeld zu kommunizieren. „Das ist ja total schwer für andere Leute nachzuvollziehen, dass es einem nach so einem Event nicht so gut geht und man nicht so überschwänglich zurückkommt, sondern vielleicht auch ein bisschen erschlagen ist von der Einfachheit, die auf einmal im Alltag steckt“, sagt Heidtmann.

Auch Sarah Köhler hat mit der POB-Phase gerechnet und konnte die negative Stimmung, die immer mal wieder auftrat, mithilfe ihrer Sportpsychologin beseitigen. Als Athletensprecherin denkt sie aber auch an das gesamte Team. Sie vermutet, dass die vielen Olympiadebütanten die schwierigen Gefühle nach Tokio noch nicht richtig einordnen konnten „und einfach in so ein Loch gefallen sind und gar nicht wussten, was gerade Sache ist“. Köhler schlägt deswegen vor, dass der DSV im Vorfeld der nächsten Olympischen Spiele über den Post Olympic Blues aufklärt, um besonders noch unerfahrene Mitglieder des Team besser auf die Zeit nach den Wettbewerben vorzubereiten. Sollte 2024 dann jemand Neues auf dem Podest stehen, hat die- oder derjenige somit vielleicht schon die passende Antwort auf die Frage: “Was passiert denn jetzt noch?“