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(20.11.2020) Am Samstag und Sonntag ist es soweit: Im großen Finale der International Swimming League wird das Siegerteam aus den vier Endrundenmannschaften Energy Standard, LA Current, Cali Condors und London Roas gekürt. Wir haben die bisherigen Saisonleistungen analysiert und auf deren Basis stehen die Vorjahressieger vom Team Energy Standard als leichter Favorit da - doch es wird ein spannendes Wochenende!

Zehn Vorrundenwettkämpfe und zwei Halbfinals liegen bereits hinter uns. Jede Final-Mannschaft war in der International Swimming League damit fünfmal im Einsatz. Das bietet eine breite Datengrundlage, um sich der Frage zu widmen, welchem Team die meisten Chancen zuzurechnen sind. Dafür haben wir auf allen Strecken die jeweils schnellsten beiden Sportler der vier Finalteams herausgefiltert und so in einem virtuellen Wettkampf gegeneinander antreten lassen.

Das Ergebnis: Auf dem Papier haben die Titelverteidiger von Energy Standard erneut die stärkste Truppe beisammen. Das könnte den einen oder anderen überraschen, da die Konkurrenten von den Cali Condors um Caeleb Dressel im Gegensatz zu Energy Standard als einziges ISL-Team in dieser Saison bisher ungeschlagen sind. Doch Energy steigerte sich in den zurückliegenden Runden von Match zu Match und die Leistungen der Niederlage im Auftaktmatch der ISL spielten daher kaum eine Rolle.

Doch es dürfte ein enges Rennen werden. Würden die Punkte auf Basis der Vorleistungen verteilt werden, lägen alle Teams nach dem ersten Wettkampftag gerade einmal 25 Punkte auseinander mit einer hauchdünnen Führung für London Roar. Doch schon in den vergangenen Matches konnte Energy Standard vor allem am zweiten Tag seine Qualitäten ausspielen und setzt sich auch in unserer Analyse hier an die Spitze.

Analyse: Die virtuellen Punkte auf Basis der bisherigen Leistungen

  nach Tag 1 Tag 2 vor
den KO-Events
Energy Standard 224 418
Cali Condors 213 386
London Roar 228 379
LA Current 203 352

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Man sieht: Trotz mit einer Führung vor den KO-Events könnte noch alles offen sein. Drei Faktoren dürften das ISL-Finale entscheiden:

1. Wer gewinnt die Lagenstaffeln?

Es läuft alles darauf hinaus, dass die Entscheidung über den Champion der International Swimming League 2020 erst in den KO-Events am Ende des Matches fällt. Damit kommt den Lagenstaffeln, die zum Abschluss von Wettkampftag 1 auf dem Programm stehen, eine besondere Bedeutung zu. Wer hier gewinnt, kann wählen, welche Schwimmart im KO-Wettbewerb geschwommen werden muss. Bei den Damen konnte Energy Standard in 3:45,58 Minuten die schnellste Vorleistung erbringen. Dahinter folgt London Roar in 3:46,59. Noch enger war es bei den Herren: Hier liegen London (3:19,50) und Energy Standard (3:19,55) gerade einmal fünf Hundertstel auseinander. Auch die Männer aus LA und die Damen der Condors sollte man nicht abschreiben. Doch selbst wenn man die Lagenstaffel gewinnt, heißt das noch nicht, dass es dann im KO-Event dicke Punkte gibt: Sollten zum Beispiel die Energy Herren die Staffel gewinnen, ist vollkommen offen, welche Lage dann am Besten für sie wäre. Auf Kraul und Schmetterling bekämen es Chad le Clos und Florent Manaudou mit Caeleb Dressel zu tun. Auf der Bruststrecke kann London Adam Peaty ins Rennen schicken und auf Rücken hat Energy auf Basis der Vorleistungen im Vergleich zu den anderen ISL-Teams kaum eine Chance. Ähnlich sieht es bei den Damen aus: Wählt man hier für Spitzensprinterin Sarah Sjöström Schmetterling oder Freistil, haben auch die Konkurrenten starke Frauen in ihren Reihen. Selbst wenn Energy also wählen darf, was geschwommen wird, heißt das nicht, dass sie am Ende als Sieger dastehen. Auf der anderen Seite haben alle anderen Teams in ihren Reihen Favoriten für die KO-Rennen, sollten sie die Lagenstaffeln gewinnen. Sollte Energy also in den Lagenstaffeln unterliegen, wird es für die Titelverteidiger noch schwerer, hier zu punkten.

2. Wer gewinnt die knappen Rennen?

Wir haben unsere Analyse auf den Rennergebnissen der Vorsaison basiert, doch hier ging es mitunter extrem knapp zu. Über die 50m Brust haben so zum Beispiel Lilly King von den Cali Condors und Benedetta Pilato von Energy in 28,86 Sekunden die identische Saisonbestleistung zu Buche stehen. Ähnlich sieht es über die 50m Rücken der Herren aus: Hier liegen die Top vier der Saison innerhalb von nur neun Hundertstelsekunden, darunter ist übrigens auch London-Roar-Schwimmer Christian Diener. Und auf den kurzen Freistil- und Schmetterlingstrecken der Damen trennen Energy-Sprintqueen Sarah Sjöström und LAs Newcomerin Beryl Gastaldello nur Hundertstelsekunden. Nur bei wenigen Events gibt es solch klare Favoriten wie Caeleb Dressel, der über die 100m Lagen und weitere Sprintstrecken seinen Konkurrenten Punkte stehlen könnte. Letzteres, also dass sich die besonders schnellen Schwimmer die Zähler der langsameren Athleten einsacken, dürften wir im Finale zwar regelmäßig aber mit Sicherheit nicht so oft wie in der Vorrunde sehen. Umso wichtiger werden damit die Athleten der "zweiten Reihe", die zwar möglicherweise nicht um den Sieg, aber um die Punkte dahinter kämpfen. Und auch dem 3. Faktor kommt damit eine höhere Bedeutung zu:

3. Wie gehen die Teams mit ihren "Lücken" um?

Zwar sind die Finalteams sehr breit aufgestellt, doch keine Mannschaft hat in den bisherigen Matches einen so tiefen Kader präsentiert, dass es nicht doch an der einen oder anderen Stelle Schwächen gäbe. LA Current hat so zum Beispiel Lücken auf den kurzen Bruststrecken bei Damen und Herren, während es Energy Standard in Brust über die 200m-Distanz in beiden Rennen nicht leicht haben wird. London wiederum wird es über die 50m und 100m Freistil sowie die 100m Lagen bei Damen und Herren schwer haben und das, obwohl sie mit Freya Anderson eigentlich eine starke Kraulerin haben. Doch gegen Sarah Sjöström, Beryl Gastaldello und Co. dürfte auch sie Probleme bekommen. Bei den Cali Condors klaffen über die 100 und 200m Brust sowie die 200m Lagen der Herren dicke Löcher, durch die wichtige Punkte durchsickern könnten.

Es wird spannend sein zu sehen, ob einige der Mannschaften zum Finale hin diese Lücken schließen können. Zum Beispiel dadurch, dass Athleten Einsätze auf Strecken erhalten, die bisher noch nicht zu ihrem Programm gehörten, und dort für eine Überraschung sorgen. Damit zusammen hängt auch die Frage, welche Belastungen sich die Top-Athleten der Teams zumuten können. Caeleb Dressel ist bei den Condors so zum Beispiel der schnellste Schwimmer über die 50 und 100m Freistil, 50 und 100m Schmetterling, 100m Lagen und auch die 50m Brust. Dazu noch drei Staffelstarts und vielleicht die KO-Rennen am Ende des Wettkampfes? Dann hätte Dressel 12 Rennen in nur zwei je zweistündigen Wettkampfabschnitten. Trotz aller Prognosen und Berechnungen wird es also nicht nur auf die einzelnen Leistungen der Schwimmer sondern auch die taktische Raffinesse der Coaches ankommen. 

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Bild: ISL