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(22.04.2020) Die Sportwelt ruht, doch das heißt nicht, dass hinter den Kulissen derzeit alle die Füße still halten. An einigen Orten und in zahlreichen Sportarten wird weiter unter erhöhnten Vorsichtsmaßnahmen trainiert, um sich auf den Moment vorzubereiten, wenn der Schleier des Lockdowns wieder gelüftet wird. So mancher befürchtet aber auch, dass der eine oder andere die derzeitige Situation ausnutzt, unbeobachtet und ungetestet ein paar leistungssteigernde Mitteil wirft und sich so einen illegalen Vorsprung für den "Re-Start" verschafft. Um es schwarzen Schafen trotz der Corona-Krise schwer zu machen, arbeiten Dopingfahnder derzeit an einer neuen Variante "virtueller" Dopingkontrollen.

In den USA sind diese kontaktlosen Dopingtests bereits angelaufen. Dabei gehen die Kontrolleure so vor: Zunächst erhalten die Sportler per Post ein Testset, welches sie nun stets bereit halten müssen. Trotz Corona und Ausgangsbeschränkungen haben die Athleten zudem nach wie vor anzugeben, wann und wo sie täglich für Tests erreichbar sind. Irgendwann innerhalb dieses Zeitfensters meldet sich nun unangekündigt ein Dopingfahnder mit einem Videoanruf. 

Nachdem sich die Sportler identifiziert haben, zeigen sie den Fahndern per Handykamera ihr Badezimmer, um sicher zu stellen, dass keine anderen Personen zugegen sind und geben eine Urinprobe ab. Dieser Schritt wird nicht per Video festgehalten. Um sicherzustellen, dass es sich tatsächlich um frischen Urin handelt, wird anschließend vor der Kamera ein Temperaturteststreifen in die Probe getaucht. Diese muss nun vor den (digitalen) Augen des Testes versiegelt werden.

Für die Entnahme von Bluttests wird ein weiteres neues Verfahren genutzt: Die Analyse von getrocknetem Blut mit Hilfe von hochempfindlichen chromatographisch-massenspektrometrischen Verfahren. Dafür bringen Sportler unter Videoaufsicht einen kleinen Tropfen Blut auf Millimeterpapier auf, welcher dort eintrocknet. Auch diese Probe wird versiegelt und gemeinsam mit der Urinprobe per Post an die US-Anti-Doping-Agentur (USADA) geschickt.

Die ersten digitalen Dopingkontrollen wurden in den USA bereits durchgeführt. Unter den Athleten, die sich freiwillig als Testsportler für das neue Verfahren gemeldet hatten, sind auch die beiden Schwimmstars Lilly King und Katie Ledecky. "Ich war erfreut, mich dafür melden zu können", erklärte die mehrfache Olympiasiegerin Ledecky in diesem Zusammenhang vor einigen Tagen gegenüber der New York Times. "Es fühlte sich sehr angenehm an", beschrieb sie den Test, bei den nun kein Fahnder mehr unangekündigt an der Tür sondern stattdessen per Videoanruf auf dem Handy klingelt.

Die Variante der virtuellen Dopingtests wurde nicht extra wegen der Corona-Krise entwickelt. Die Verantwortlichen der Anti-Doping-Agenturen arbeiten bereits seit mehreren Monaten daran. "Covid-19 hat das Ganze nun beschleunigt und es uns möglich gemacht mit (diesen Tests) zu starten", erläutert USADA-Chef Travis Tygart.

Auch die für Deutschland zuständige Nationale Anti Doping-Agentur NADA wendet das neue Verfahren der Tests von getrocknetem Blut seit einigen Tagen bereits bei Kaderathleten an. "Hier gibt es ganz enorme Analysemöglichkeiten für die Labore. Damit können wir das Gap schließen helfen und geben auch sauberen Sportlerinnen und Sportlern die Möglichkeit, sich vor unberechtigten Dopingvorwürfen zu schützen", meint Andrea Gotzmann, die Vorstandsvorsitzende der NADA dazu gegenüber der taz.

Über die Wirksamkeit dieser Verfahren, um auch in der breite Dopingsünder zu erwischen, lässt sich sicher streiten. Das gewohnte Kontrollsystem ist nun bereits seit einem Monat nahezu komplett eingestellt, um direkte Kontakte zu minimieren und so sowohl Tester als auch Sportler zu schützen. Letztlich dürfte es bei den virtuellen Dopingtest - wie bei den meisten Anti-Doping-Maßnahmen - vor allem darum gehen, es potentiellen Übeltätern im Schatten des Corona-Chaos nicht allzu leicht zu machen.