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(11.04.2020) Das Land steht durch die Einschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie weitestgehend still und während der eine oder andere die Pause dazu nutzt, um die durch den Alltagsstress geleerten Akkus wieder zu laden, bangen Leistungssportler um die Früchte ihrer Arbeit der zurückliegenden Jahre. Denn Stillstand im Sport heißt Rückschritt. 

"Die Gefahr besteht, wenn die Corona-Krise länger währt, dass dann die Perspektive, die Leistungspyramide und der viele Jahre vollzogene Leistungsaufbau unterbrochen wird", erklärt so auch Ulf Tippelt, Direktor des Instituts für angewandte Sportwissenschaften in Leipzig. Gegenüber der Leipziger Volkszeitung warnt er: "Das wird unwiderrufliche Schäden nach sich ziehen."

Im Hochleistungssport ist das Training nicht auf kurzfristige Erfolge und Ziele ausgerichtet, sondern verfolgt meist einen sehr strategischen Aufbau über mehrere Olympiazyklen hinweg. Mehrmonatige Pausen kennen Sportler zwar vereinzelt von verletzungsbedingten Ausfällen. Doch ein Stillstand, der so viele Athleten betrifft, wie derzeit durch die Corona-Einschränkungen, ist ein Novum in der modernen Sportwelt. 

Gerade die Spitzenschwimmer kann das hart treffen: Der Leistungssport ist mit 30 Stunden Training pro Woche oder mehr letztendlich ihr täglich Brot, quasi ihr Job. Eine Verlegung ins Home Office wie bei vielen anderen Berufstätigen ist nahezu unmöglich. Zwar können sich die Athleten an Land fit halten und Aspekte wie Kraftwerte stabilisieren. Doch die so wichtige spezifische Ausdauer beim Schwimmen geht verloren. Der quasi schwerelose Zustand im Wasser, bei dem nahezu alle Muskelgruppen gefordert sind, lässt sich an Land nicht simulieren. Und Trainingseinheiten mit Gummiseilen im heimischen Gartenpool liefern zwar lustige Videos für Instagram und Co., sind aber kein Ersatz für das Hochleistungstraining von Spitzenathleten.

"Alle Sportler benötigen Trainingsbedingungen, damit sie ihr Trainingslevel einigermaßen halten können. Sie können nicht plötzlich ihren hochtrainierten Körper stoppen", mahnt so auch der Sportexperte Ulf Tippelt. "Ein fahrender Zug mit Höchstgeschwindigkeit ist bei voller Fahrt gestoppt worden. Kurzfristig müssen wir die Athleten auffangen, die von dem Hochgeschwindigkeitszug plötzlich abgesprungen sind."

Das wohl größte Problem dabei: Bundesweit gibt es starke Unterschiede, ob den Spitzenathleten die Möglichkeiten zugestanden werden, weiter ihrem Sport nachzugehen oder nicht. An einigen Standorten dürfen so zum Beispiel Bundeskader weiterhin mit Sondergenehmigungen in den eigentlich geschlossenen Schwimmhallen trainieren. Andernorts gibt es diese Möglichkeit nicht und die Top-Athleten sitzen auf dem Trockenen. 

Diese unterschiedlichen Bewertungen durch die meist zuständigen Kommunen oder Bundesländer können nachhaltige Auswirkungen haben. Athleten, die das Pech haben, keine Sondergenehmigungen zu erhalten, starten dadurch direkt mit einem erheblichen Trainingsrückstand in die neue Jagd auf die Olympia-Tickets, wenn sie dann irgendwann einmal wieder beginnt. Noch größer dürften die Ungleichheiten im internationalen Maßstab sein.

Auch Ulf Tippelt meint, es sei „dem Eindruck vorzubeugen, die Leistungssportler machen mal bis zum Sommer eine Pause und dann können sie wieder anfangen.“ Erst die kommenden Monate oder sogar Jahre werden zeigen, welche mittel- und langfristigen Auswirkungen die derzeitige Phase haben wird. Wer zu spät wieder auf den Hochgeschwindigkeitszug "Leistungssport" aufspringen will (und darf), läuft Gefahr komplett aus der Bahn geworfen zu werden.