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(08.01.2019) Marco Koch will es noch einmal wissen. Wenige Monate vor den Olympischen Spielen setzt der mehrfache Welt- und Europameister alles auf eine Karte und lässt sich auf dem Weg nach Tokio ab sofort von Dirk Lange betreuen. Der erfahrene Coach holte bereits neun Medaillen bei Olympischen Spielen und war zwischen 2008 und 2011 Bundestrainer der deutschen Nationalschwimmer. Mittlerweile hat Lange seine Zelte in Graz aufgeschlagen und betreut neben österreichischen Top-Athleten wie Caroline Pilhatsch auch internationale Olympiateilnehmer wie zum Beispiel den litauischen Brustspezialisten Giedrius Titenis. Wir haben mit dem 56-Jährigen darüber gesprochen, wie die Zusammenarbeit mit Marco Koch aussieht und welche Potentiale Lange bei seinem neuen (und alten) Sportler sieht.

Sie haben Marco Koch bereits zwischen 2011 und 2015 in unterschiedlichen Formen betreut. Nun sollen Sie ihn auch auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio vorbereiten. Wie kam die Auflebung der Zusammenarbeit zustande?

Die Initiative ging klar von Marco aus. Er hat mich um die Weihnachtstage herum angesprochen und gefragt, ob ich ihn wieder betreuen würde. Das passt natürlich hervorragend, da wir uns zum einen sehr gut kennen und ich zum anderen für schwimmtrainer.de wieder häufiger in Deutschland bin. Der Kontakt zwischen uns ist ohnehin nie abgebrochen und für Marco war es der Moment zu sagen, wenn er etwas verändern möchte, dann würde er gern wieder mit mir zusammenarbeiten, da ich ja nicht nur ihn, sondern auch andere Spitzen-Brustschwimmer betreut habe, wie zum Beispiel Cameron van der Burgh, Fabio Scozzoli, Giulio Zorzi, Giedrius Titenis oder auch den Junioren Welt- und Europameister Nikola Obrovac.

In wieweit unterscheidet sich die Zusammenarbeit jetzt von der in früheren Jahren?

Bei unserer früheren Zusammenarbeit gab es am Ende der Entscheidungskette natürlich noch Marcos damaligen Heimtrainer Alexander Kreisel, mit dem alles abgestimmt werden musste. Jetzt läuft es so, dass ich die Inhalte bis zum letzten Meter vorgebe und diese in Frankfurt von der dortigen hessischen Landestrainerin Shila Sheth umgesetzt werden. Ich würde fast sagen, es gibt niemanden in Deutschland, der besser für die Spiele vorbereitet wird als Marco, da er es geschafft hat, sich zu Hause ein Umfeld aufzubauen, das in allen Aspekten hochgradig professionell ist. Von mir gibt es die Gesamtkonzeption und bei Shila Sheth laufen in Frankfurt die Fäden zusammen. Aber auch Leute für Physiotherapie, Psychologie oder im Bereich Krafttraining gibt es. Der DSV ist ebenfalls eingebunden, da besteht permanenter Kontakt zu Teamcoach Hannes Vitense. Insgesamt ist das durchaus eine Situation, die sehr komfortabel für Marco ist.

Wo sehen Sie denn die Verbesserungspotentiale bei Marco Koch?

Ich muss sagen, Marco hat im zurückliegenden Jahr durch die Zusammenarbeit mit Henning Lambertz eine hervorragende Basis bekommen. Ich kann also direkt so einsteigen, wie ich mir das vorstelle. Es ging daher weniger um die Frage, was wir verbessern können, sondern darum, was wir verändern können. Wir bereiten Marco auf jedes Szenario vor, das bei den Olympischen Spielen auftreten kann und stellen ihn ein auf jede mögliche taktische Variante, die er im Rennverlauf brauchen könnte.

Sie haben bei Bekanntgabe der Zusammenarbeit bereits gemeint, dass auch an der Grundschnelligkeit gearbeitet werden soll.

Wir müssen Marco dahin bringen, dass er bei 150m mit dabei ist und so seine einstige Stärke ausspielen kann. Das heißt, er muss vorn lockerer und einfacher mitgehen können. Da spielt natürlich auch die Grundschnelligkeit eine Rolle, denn auch die 200m-Schwimmer sind schneller geworden. Ein Anton Chupkov schwimmt die 100m in 59 Sekunden flach und der Niederländer Arno Kamminga ist sogar schon bei einer 58er Zeit. Marcos Bestleistung ist nur knapp unter einer Minute, meist jedoch jenseits der 60 Sekunden. Wenn dann zügig angegangen wird, ist der Bereich, bis auf den er an seine 100m-Bestzeit heranschwimmen muss, relativ klein, während die anderen da mehr Luft haben. Wir setzen also durchaus darauf, dass sein Speed höher wird und wir darüber dann den alten Marco wieder sehen, der zu seiner Zeit vor vier, fünf Jahren auf den letzten 50m international der wohl Stärkste war. Dort müssen wir wieder hin. Das Ziel ist es, den alten Marco zurückzubekommen.

Marco Koch war damals so etwas wie ein Trendsetter. Mittlerweile sieht man in der Weltspitze viele Athleten taktisch ähnlich schwimmen. Ein Anton Chupkov hat bei der WM nach 100m als Siebter gewendet und holte dann noch mit Weltrekord den Titel.

Anton Chupkov war sicher beeindruckend. Er ist einer der besten Schwimmer der Welt. Sicherlich vergleichbar mit einem Adam Peaty. Er arbeitet aus einer innerlich sehr überzeugten Position heraus. Chupkov glaubt fest daran, dass er der Beste ist und hinten einen draufsetzen kann. Es wäre durchaus mal interessant zu sehen, wie er sich verhält, wenn auf der letzten Bahn dann doch mal einer gegenhalten kann. Gerade im Brustschwimmen hat in den vergangenen Jahren eine große Entwicklung stattgefunden. Eine Zeit lang war Marco unter den 200m-Schwimmern wohl der weltweit Stärkste auf der letzten Bahn. Ein Stück weit hat er diesen Trend tatsächlich eingeleitet. Aber mittlerweile können die Leute sowohl vorne als auch hinten schnell schwimmen. Das müssen wir auch Marco beibringen. Wenn uns das gelingt, wird er im Sommer seine Chance bekommen.

Welche Rolle spielt dafür die Erfahrung, die Marco Koch mitbringt?

Marco ist seit 2009 international aktiv. Allein diese Zeitspanne gibt ihm einen immensen Erfahrungsschatz, den wahrscheinlich kein anderer Athlet im DSV aufweisen kann. Ich setze natürlich auf Erfahrung aber noch mehr auf Wissen. Das Wissen um seine Stärken, aber auch das Wissen um den trainingsmethodischen Aufbau. Dass er zum Beispiel nun auch seine Trainerlizenzen macht, hilft dabei gewaltig, denn so versteht er bestimmte Trainingsinhalte besser. Ich gebe also nicht nur ein bestimmtes Training vor, sondern wir sprechen ganz konkret darüber, was wir damit erreichen wollen. Und wenn er diese Dinge methodisch versteht, dann kann er sie besser einschätzen als manch junger Sportler ohne dieses Wissen und wirklich zu 100 Prozent dahinter stehen.

Teil der Vorbereitung sollen auch möglichst viele hochwertige Wettkämpfe sein. Welches Ziel verfolgen Sie damit?

So ist ein Marco Koch groß geworden. Er hatte schon als Jugendlicher, viele Wettkämpfe im hohen Leistungsbereich im Jahr geschwommen. Wir werden diese Idee wieder aufnehmen und mit mehr „Leben“ erfüllen, wie zuletzt. Jedes Rennen ist von jetzt an wichtig und wird mit unterschiedlichen Aufgaben versehen. Es werden somit immer wieder bestimmte Teilaspekte des Zielrennens bei den Olympischen Spielen simuliert bzw. bestimmte neue Ideen umgesetzt. Das heißt, wir achten dann nicht immer unbedingt auf die Zeit, die am Ende herauskommt, sondern auch auf andere Aspekte. Denn bei Olympia wird es erfahrungsgemäß sicher wieder zwei Extreme geben: Die einen, wie Chupkov, die das Feld von hinten aufrollen wollen und die anderen, die vorn weg gehen und ihr Heil in der Flucht suchen. Und darauf muss man eingestellt sein und im Kopf stets hellwach bleiben. Marco wird auf jedes Szenario vorbereitet.

Das kann man im Grunde nur im Wettkampf trainieren.

Ich halte sehr viel davon, dass man im Wettkampf bestimmte Dinge einüben kann. Man bekommt die Schwimmer im Training kaum in eine ähnliche Belastungs- und Drucksituation. Das muss man üben. Auch ein Usain Bolt hat seine Saisons mit Zeiten um 10,0s begonnen und landete am Ende bei 9,5-9,6s. Man braucht Rennen, um reinzukommen. Es bringt aber auch nichts, Marco bei Wettkämpfen teilnehmen zu lassen, wo er nicht unter Druck ist. Er muss gegen harte Konkurrenten bei hochwertigen Rennen lernen Zielaufgaben zu erfüllen und dabei trotzdem das Rennen unter Kontrolle zu behalten und letztlich auch zu gewinnen. Der jeweilige Sieg ist immer die ultimative Ratio.

Marco Koch ist unter Deutschlands Schwimmern einer der Routiniers, mit Leuten wie Florian Wellbrock und einigen jungen Sportlern kommt eine neue Generation nach. Sie haben den deutschen Schwimmsport stets aufmerksam verfolgt. Wie schätzen Sie die Veränderungen und Entwicklungen der vergangenen Jahre ein?

Es hat sich im Verband natürlich auf den leitenden Positionen, wie Präsident, Sportdirektor, Bundestrainer etc. viel getan. Die entscheidende Frage ist, wie sich das Handeln der neuen Führungspersonen letztlich in fachlicher Qualität umsetzen lässt. Das wird sich erst in einigen Monaten nach den Olympischen Spielen rückwirkend beantworten lassen. Aber das sollen andere entscheiden. Mit Blick auf die einzelnen Athleten sind sowohl ich als auch viele andere internationale Beobachter immer wieder überrascht, wie stark einige Leistungen im Jugend- und Juniorenbereich sind. Was teilweise eben noch fehlt, ist diese Leute in die Spitze zu führen. Ich glaube, dass da in der Trainerausbildung vielleicht zu theoretisch an das Trainieren von Athleten im Spitzenbereich, besser gesagt im Schnelligkeitsbereich, herangegangen wird und genügend praxisnahe trainingsmethodische Hinweise fehlen. Genau das versuchen wir mit schwimmtrainer.de zu erreichen. Spitzentrainer sollen aus „ihrem Nähkästchen“ plaudern und die kleinen aber wichtigen Geheimnisse teilen. Man darf auch nicht vergessen, dass nur recht wenige internationale Kollegen mit einer solchen Erfahrung in Deutschland arbeiten. Wenn sich dieser Paradigmenwechsel in den Köpfen der Trainer umsetzen lässt, wird es auch wieder gelingen, die Athleten vom Junioren- in den Seniorenbereich zu führen. Talent haben wir in Deutschland genug. Natürlich gibt es Ausnahmen. Ein Florian Wellbrock hat diesen Sprung in die Spitze souverän geschafft. Aber es muss darum gehen, dass das auch in der Breite und nicht nur im Ausdauer-, sondern auch im Schnelligkeitsbereich gelingt. Denn genau aus diesen heraus werden Staffelleistungen abgeleitet. Und diese sind in Deutschland gerade in der Außendarstellung phänomenal wichtig. Sie sind das „Rückrat“ einer Nationalmannschaft. 80 Prozent aller Strecken sind nun einmal 200m und kürzer und damit maßgeblich Schnelligkeit dominiert.

Die Erfahrungen mit Weltmeistern, wie einer Sandra Völker (Freistil, Rücken) und Therese Alshammer (Freistil, Schmetterling) im Frauen oder bei Ryk Neethling (Freistil, Lagen) und Gerhard Zandberg (Rücken, Freistil) im Männerbereich und vielen anderen mehr zeigten, dass sich Weltklasse-Schnelligkeitsleistungen nur schwer mit dogmatisch mathematischen Ausdauerkonzeptionen vorbereiten lassen. Ich gehe mit Dr. Klaus Rudolph völlig konform. Schon in den neunziger Jahren propagierte er hinsichtlich seines Sohnes Nils, der immerhin der letzte Europameister im Freistilsprint war, dass im Sprint- und Schnelligkeitsbereich andere trainingsmethodische Hebel anzusetzen sind und man über den „Tellerrand“ hinweg gucken sollte. Ich spreche hier nicht gegen die Wissenschaft. Ganz und gar nicht. Ich spreche eher davon diese mit dem richtigen Praxisbezug zu kombinieren. Ich bin davon überzeugt, dass dieser pragmatische und nachweislich mit Medaillen untersetzte Ansatz letztendlich den Unterschied machen wird. Ein weiterer Punkt ist, dass nach wie vor zu sehen ist, dass bei Meisterschaften oder in der Qualifikation starke Leistungen erbracht werden, die sich dann beim Saisonhöhepunkt wieder relativieren und dass im Juniorenbereich die internationalen Endläufe von 50m bis 200m nicht gerade von deutschen Athleten überfüllt sind. Anders sieht es sicher beim Open-Water Schwimmen aus.

Wird man Sie denn in Deutschland auch mal wieder am Beckenrand sehen?

Ich bin natürlich Profitrainer und schaue mir immer die Optionen an. Ich bin derzeitig dabei in Graz etwas Neues aufzubauen und die Olympiavorbereitung einer Caroline Pilhatsch zu unterstützen. Es reizt mich immer dort tätig zu sein, wo man Rückendeckung hat und etwas bewegen kann. Und mit den Trainerlehrgängen von schwimmtrainer.de bin ich ja nun auch in Deutschland wieder aktiv, zwar nicht als Coach am Beckenrand, aber um meine Erfahrung an die nächste Trainergeneration weiterzugeben. Vielleicht bin ich auch bei den Deutschen Meisterschaften mal wieder im Lande, um Marco zu betreuen. Das hängt ein wenig davon ab, wie die Qualifikationsphase läuft. Generell ist der Kanal nach Deutschland immer offen gewesen und man sollte natürlich niemals nie sagen.