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Der Schwimmweltverband FINA hat auf einer Konferenz in Dubai lang erwartete Reglementierungen für Schwimmanzüge verabschiedet. Die neuen Entwicklungen im Materialbereich waren einer der Hauptgründe für die Weltrekordflut im letzten Jahr. Was ändert sich nun und welche Auswirkungen könnte dies haben? -UPDATED-

 

Die monatelange Diskussion um verbindliche Vorschriften für Anzüge im Schwimmsport bringen endlich erste Ergebnisse. Die FINA hat sich zunächst auf diese neuen Regeln geeinigt:

Der Auftrieb
Die wohl wichtigste Neuerung: Der Auftrieb für Wettkampfanzüge wurde auf 1 Newton begrenzt. Das entspricht der Gewichtskraft einer Masse von etwa 100 Gramm. Dies dürfte das Aus für den “LZR Racer” von Speedo bedeutet, welcher Stein des Anstoßes der Materialdiskussion war. Laut verschiedener Tests soll der zusammen mit der NASA entwickelte Anzug angezogen für einen Auftrieb von bis zu 2,5 Newton sorgen. Für den Schwimmer ist dies ein Gefühl, als wäre er ein halbes Pfund leichter im Wasser. Verständlich also die Äußerung von Olympiasiegerin Lisbeth Trickett, der Anzug verleihe das Gefühl “bergab zu schwimmen.

Das Material
Zudem wurde die Materialstärke auf einen Millimeter Dicke begrenzt. Damit werden auch in den letzten Monaten zusehends auf Schwimmwettkämpfen zu beobachtende Anzüge, welchen den Neoprenanzügen der Triathleten ähnelten, irregulär. Der Stoff muss außerdem direkt an der Haut anliegen. Damit wurde eine weitere Grauzone im Reglement beseitigt. Einige Sportler hatten bis zu vier Anzüge übereinander getragen. Dies führt zu Luftpolstern zwischen den verschiedenen Schichten, welche einen zusätzlichen Auftrieb erzeugen.

Die Form
Auch die Form der Anzüge wurde neu festgeschrieben. Die Anzüge dürfen nicht über Hals, Schultern und die Fußknöchel hinausgehen. Damit wäre auch einer der ersten Ganzkörperanzüge von Adidas, mit dem der Australier Ian Thorpe 1999 für Furore sorgte, nicht mehr den Regeln entsprechend. Auch Maßanfertigungen sind nun verboten. Speedo hatte einigen Athleten für die Olympischen Spiele die Anzüge auf den Körper zugeschnitten. Laut den neuen Verordnungen müssen alle Schwimmanzüge eines zugelassenen Modells identisch sein und sich nur durch die im freien Handel für jeden zugänglichen Größen unterscheiden.

Die Zulassung
Für die Hersteller ist nun Eile geboten. Bis zum 31. März müssen die Anträge auf Zulassung der Anzüge bei der FINA eingegangen sein. Ansonsten können diese bei den Weltmeisterschaften im Juli wohl nicht verwendet werden. Ab Januar 2010 treten weitere Vorschriften für die Zulassungsverfahren in Kraft. Anzüge müssen dann ein Jahr vor Olympia oder Weltmeisterschaften genehmigt werden und sechs Monate vor den Wettbewerben im freien Handel erhältlich sein. Die zugelassenen Modelle werden von der FINA aufgelistet. Kontrolliert wird die Einhaltung der neuen Regeln vom “Swiss Federal Institute of Technology”.

Anscheinend gibt es auch Pläne, wie die Einhaltung der Regularien kontrolliert werden soll. Siehe dazu hier

Die möglichen Auswirkungen
Mit den neuen Regelungen im Schwimmsport wird der Fokus wieder vom Material zum Sportler hin verschoben werden. Die Leistungen des Einzelnen stehen nun wieder im Mittelpunkt der Betrachtung.
Eine Weltrekordflut, wie im vergangen Jahr wird es nicht geben, da der fast schon anarchistische Einsatz von Material und Technik den Sportlern bisher nahezu komplett freie Hand ließ. Mit einer hohen Anzahl an Weltrekorden ist im nacholympischen Jahr zwar traditionell nicht zu rechen, da die meisten Athleten nach den Spielen eine Trainingspause einlegen, doch bei den Weltmeisterschaften im Juli wird wohl nur in den seltensten Fällen an die Rekordmarken herangeschwommen werden. Die mit den mittlerweile irregulären Anzügen erzielten Weltbestmarken werden weiter bestand haben. Ob es sich damit im Schwimmsport ähnlich wie in der Frauenleichtathletik verhalten wird bleibt anzuwarten. Nach den unter Doping zustande gekommenen Weltrekorden in den 80er Jahren werden hier kaum noch Weltbestleistungen erzielt. Wie die Hersteller, ins besondere Speedo, auf die neuen Vorschriften reagieren werden, wird ebenfalls interessant zu beobachten sein. Hunderte Millionen wurden in den “LZR Racer” gesteckt, über 400 Sportler und ein halbes dutzend Forschergruppen auf der ganzen Welt waren an der Entwicklung beteiligt. Die für etwa 500€ angebotenen Anzüge sind nun nahezu wertlos, mit ihrer Zulassung für Wettkämpfe ist nicht zu rechnen. Der finanzielle Verlust für den Weltmarktführer Speedo dürfte schwer wiegen.

Freuen wird sich über die neuen Regelungen Olympiasiegerin Britta Steffen. In einem Gastbeitrag für die “Welt am Sonntag” meinte sie vor kurzem: “Ich fand es eigentlich schön, als die Athleten früher ihre perfekten Körper zeigten. Dass kaum noch nackte Haut zu sehen ist, empfinde ich optisch durchaus als Verlust.”