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(24.07.2021) Der Zeitplan der Olympischen Spiele mit den Vorläufen am Abend und den Finals am Morgen stellt nicht nur die Athleten sondern auch so manchen Schwimmfan hierzulande vor Herausforderungen. In der kommenden Nacht zum Sonntag könnte sich das frühe Aufstehen aber lohnen! Mit Henning Mühlleitner schickt das deutsche Team einen vielversprechenden Medaillenkandidaten ins Rennen.

Um 3:52 Uhr deutscher Zeit bzw. 10:52 Uhr Ortszeit in Tokio wird es ernst für den Neckarsulmer, der sich nach dem Paukenschlag im Vorlauf erst einmal eine verdiente Mütze Schlaf gönnt. "Ich muss schauen, wie sich das organisieren lässt heute Nacht. Bis man in die Mensa kommt, dann gegessen hat und wieder runterkommt, das zieht sicher nochmal ein paar Körner. Da muss man möglichst schnell wieder einschlafen, um dann morgen wieder angreifen zu können", erklärte er nach seinem Rennen, mit dem er sich auch selbst sichtbar überrascht hat.

In 3:43,67 Minuten war Mühlleitner schneller als der gesamte Rest des Feldes. "Auf Bahn 4 zu schwimmen, bringt natürlich ein bisschen Druck rein", blickt er im ZDF voraus. Doch viel zu verlieren hat er nicht. Zu Beginn des Jahres war er nur einer von vielen Olympiakandidaten des deutschen Perspektivkaders. Nach der starken Olympia-Quali rückte das Finale für ihn in den Blick. Noch nie stand er auf der weltweiten Bühne im Einzel im Endlauf. Das hat er nun bereits erreicht. 

Sein internationales Format hatte Mühlleitner schon einmal bei den Europameisterschaften 2018 bewiesen. Auch damals sorgte er für eine Überraschung und holte Bronze über die 400m Freistil, allerdings mit einer Zeit (3:47,18), mit der man in Tokio weit weg vom Finale gewesen wäre. Satte dreieinhalb Sekunden schneller war er am heutigen Mittag in seinem Olympiavorlauf. Ein Leistungssprung, mit dem man nicht unbedingt rechnen musste. Denn nach dem Erfolg bei der EM 2018 machten Mühlleitner zunächst eine Knie-OP und dann eine Rätsel aufgebende Bakterienerkrankung zu schaffen, durch die er unter anderem die WM 2019 verpasste.

Doch der 1,90m-Mann kämpfte sich zurück. Dabei kam es ihm zum einen zugute, dass die Olympischen Spiele um ein Jahr verschoben wurden. Zum anderen bekam Mühlleitner durch seinen neuen Coach wertvollen frischen Input. „Es gab für mich einen ganz entscheidenden Schlüsselmoment mit meinem neuen Trainer Matt Magee aus Australien", erzählt der Kraulspezialist. "Er hat eine neue Trainingsphilosophie reingebracht in die Gruppe, da musste ich mich erstmal dran gewöhnen", so Mühlleitner, der zuvor unter dem heutigen Bundestrainer Hannes Vitense den Sprung in die nationale Spitze geschafft hatte. "Bis dann die Sicherheit da war, hat es ein bisschen gedauert, bis es dann zu dem Schlüsselmoment kam. Seitdem hält er mir komplett den Rücken frei. Ich habe zu ihm gesagt: Bitte organisiere alles für mich, ich führe bloß aus und vertraue dir dafür zu 100 Prozent."

Das Vertrauen zahlt sich aus. Im April platzte bei Mühlleitner leistungsmäßig ein wichtiger Knoten. In 3:45,36 Minuten schwamm er sich bei der Olympia-Qualifikation unter die Top Ten der Weltrangliste. Der nächste Leistungssprung folgte nun in Tokio. Auch Deutschlands zweiter Bundestrainer Bernd Berkhahn zeigt sich beeindruckt: „Henning hat sich sein Rennen souverän eingeteilt und dann gemerkt, dass er noch Reserven hat. Er hat mit seinem Trainer Matt Magee in der Vorbereitung sehr gute Arbeit geleistet."

Der Magdeburger Coach hat einen gewissen Anteil daran, dass wir Mühlleitner heute Nacht im Olympiafinale sehen. Denn eigentlich stand der Neckarsulmer nur an dritter Stelle des deutschen Rankings hinter Berkhahns Schützlingen Florian Wellbrock und Lukas Märtens. Alle hatten klar die Tokio-Norm erfüllt, doch bei Olympia können nur zwei Athleten pro Nation starten. Da Berkhahn und Wellbrock entschieden, dass sich der 1500m-Weltmeister auf die langen Krauldistanzen konzentrieren soll, kam Mühlleitner über die 400m Freistil zum Zug. 

Heute Nacht kann er nun noch einmal seine Klasse unter Beweis stellen. Sollte er seine Leistung aus dem Vorlauf wiederholen, ist er mitten drin im Rennen um die Medaillen. Und selbst, wenn es nicht zum Edelmetall reichen sollte... Henning Mühlleitner hat schon jetzt gezeigt: Das deutsche Team ist dran an der Weltspitze!

Die Links zu den Olympischen Spielen 2021:

Bild: IMAGO