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(03.02.2020) Wenn Schwimmer ihr Karriereende verkünden, dann sind oft ausbleibende Erfolge, ein fortgeschrittenes Alter oder mangelnde Perspektiven der Grund dafür. Im Fall von Marek Ulrich war keiner dieser Punkte zutreffend, als er im Januar 2018 bekanntgab, dem Leistungssport lebewohl zu sagen. Mit damals erst 21 Jahren galt der mehrfache Deutsche Meister als einer der vielversprechendsten jungen Schwimmer des Landes. Dass er nun sein Comeback wagt, kommt daher nicht allzu unerwartet. Am zurückliegenden Wochenende stieg Ulrich erstmals seit mehr als zwei Jahren wieder auf den Wettkampfblock - und präsentierte sich so, als hätte er die Schwimmbrille nie an den Nagel gehangen.

In der zweiten Schwimm-Bundesliga gab der hochgewachsene Dessauer am Samstag in Freiburg sein Debüt für seinen neuen Club, die SSG Leipzig, und trug fleißig dazu bei, dass die Mannschaft mit einer fulminanten Vorstellung ins Oberhaus des deutschen Schwimmens aufsteigen konnte. Satte 24.551 Punkte holten die Messestädter. In der ersten Bundesliga hätten sie damit den zweiten Platz belegt. Auch Ulrichs Zeiten waren durchweg erstligareif. Über die 50m Rücken war er in 23,40 Sekunden sogar schneller als das komplette Feld der ersten Liga.

"Wir wussten, dass das Training sehr gut läuft. Aber dass es dann jetzt schon so schnell werden würde, hätten wir nicht erwartet", meint Marek Ulrich, der erst vor vier Monaten wieder ins Training eingestiegen war. Satte anderthalb Jahre Pause hatte er da hinter sich. Einiges hat sich in der Zwischenzeit geändert, anderes ist gleich geblieben: Ulrichs Coach ist wieder Frank Embacher, auch sein bester Freund und Teamkollege David Thomasberger zieht wieder an seiner Seite die Trainingsbahnen. Neu ist hingegen das Becken, wo die Meter abgeschrubbt werden: Statt in Halle an der Saale, wo Ulrich in die nationale Spitze hineinwuchs, arbeitet er nun wie erwähnt in Leipzig an seiner Form. Dorthin waren sowohl Embacher als auch Thomasberger gewechselt, nachdem in Halle zunächst der Coach unvermittelt seine Stelle als Bundesstützpunkttrainer verlor und später Embachers Co-Trainer Marian Bobe nicht ins erste Glied aufrücken durfte.

Für Marek Ulrich waren die Entwicklungen in Halle einer der Hauptgründe, sich vom Leistungssport zu verabschieden und sich dem Versuch zu widmen, ein Leben außerhalb des Beckens aufzubauen. Er schlug eine Beamtenlaufbahn ein, arbeitete in Hamm fernab der Heimat in einer Justizvollzugsanstalt. Doch obwohl nun räumlich ein großer Abstand zwischen ihm und dem Schwimmsport lag, so ganz konnte und wollte er sich nicht abkapseln. Über seinen Kumpel David Thomasberger war er immer irgendwie noch in Tuchfühlung mit der Szene und auch Frank Embacher setzte stetig gut gemeinte Nadelstiche. Regelmäßig schickte der Coach seinem einstigen Schützling Nachrichten, um ihm unter die Nase zu reiben, dass er mit seinen Bestzeiten nach wie vor in Deutschland an der Spitze rangieren würde. 

"Das hat mit der Zeit schon in mir gearbeitet", erinnert sich Ulrich. "Zu sehen, wie die Deutschen Meisterschaften 2019 endlich mal wieder im Fernsehen übertragen wurden, hat dann zusätzlich die Lust geweckt, dort auch mal wieder mitzumischen." Das Leben als "normaler Mensch" habe zwar auch seine Vorzüge. Aber: "Wenn man im Leistungssport vorn ist, dann ist man schon in einer außergewöhnlichen Position und steht im Rampenlicht. Das hat mir durchaus manchmal gefehlt."

Nun will er wieder zurück in den Fokus der Schwimmwelt. Doch anderthalb Jahre Pause gehen an einem Leistungssportler nicht unbemerkt vorbei. Ulrichs Körper hat sich in der Zeit deutlich verändert. Wie so viele, die ihre Karrieren beenden, hat er einige Pfund zugelegt. Im Fall des WM- und EM-Teilnehmers allerdings nicht durch Fast Food oder ähnliche Sünden, sondern durch gezieltes Krafttraining. Mehr als 15 Kilogramm an zusätzlicher Muskelmasse packte er sich drauf. Die müssen nun erst einmal wieder "abgebaut" bzw. schwimmfähig gemacht werden. "Muskeln aufzubauen ist einfacher, als Muskeln umzuwandeln", weiß Ulrich.

Umso überraschender war es für ihn, dass die Fortschritte im Becken schneller spürbar wurden als erwartet. Nur wenige Wochen nach der Rückkehr ins Training von Frank Embacher stand für die Leipziger Gruppe bereits das erste Höhentraining auf dem Programm. Ulrich war hier direkt mit dabei, auch wenn er noch nicht voll die Umfänge und Belastungen seiner Trainingskollegen mitgehen konnte. "Eigentlich sollte ich dann auch nach dem Trainingslager noch etwas weniger machen als die anderen", so der Neu-Leipziger. "Aber weil es gut lief, hat sich dann mein innerer Ehrgeiz durchgesetzt und ich habe gesagt: Jetzt will ich voll mit einsteigen." Damit lag er bereits mehrere Wochen vor dem Plan, den er sich eigentlich mit Trainer Embacher zurecht gelegt hatte.

Dementsprechend passen sie nun auch die Zielstellungen für Ulrich an. Ursprünglich war die aktuelle Saison dafür gedacht, wieder den Anschluss an ein hohes Leistungsniveau herzustellen. Dann sollten die Olympischen Spiele 2024 angepeilt werden. Nun geht alles etwas schneller als gedacht und Tokio 2020 rückt bereits ins Visier. "Ich habe jetzt durchaus Olympia im Blick. Und ansonsten gibt es ja vielleicht auch die Chance, bei der Europameisterschaft in Budapest im Mai dabei zu sein", meint Ulrich, der sich zumindest bis zu den Deutschen Meisterschaften (30. April - 3. Mai) voll auf das Schwimmen konzentrieren wird. So lange sollten seine finanziellen Rücklagen reichen, erklärt er. Durch das Karriereende ist er aus allen Fördertöpfen und -kadern herausgefallen - eine unangenehme Nebenwirkung, die sich bemerkbar macht, wenn Trainingslager oder Leistungsdiagnostiken anstehen. 

Umso wichtiger wird es für Marek Ulrich, wieder Leistungsnachweise zu bringen. Die Ergebnisse des vergangenen Wochenendes waren ein erster Fingerzeig und durchaus auch eine Grußbotschaft an die nationale Konkurrenz. Doch der Fokus liegt bei allen Schwimmern voll auf den internationalen Top-Events im 50m-Becken. Dort will sich Ulrich erstmals im März beweisen. Nach einem Höhentrainingslager in der Türkei geht er bei den Offenen Sächsischen Landesmeisterschaften (06.-08. März) in der heimischen Leipziger Uni-Schwimmhalle an den Start. "Ich bin natürlich gespannt, was dann auf der Langbahn so geht. Die Ergebnisse auf der Kurzbahn sind natürlich toll, aber mir ist bewusst, dass es darauf derzeit nicht ankommt."

Die Angriffe auf die Tickets zu den internationalen Events des Jahres will Ulrich dann bei einem der internationalen Meetings im Frühjahr bzw. bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin setzen. "Auch die Konkurrenz schläft nicht und das wird sicher ein harter Kampf um die Plätze", erklärt er vorausblickend. Ob der Comeback-Schwimmer am Ende in Tokio bzw. Budapest dabei sein darf, wird sich zeigen. Eines macht er aber deutlich: So schnell wird sich Marek Ulrich nicht wieder vom Schwimmen verabschieden.

Marek Ulrichs Zeiten in der 2. DMS-Bundesliga (25m-Bahn):

  • 50m Rücken: 23,40 - 856p (BZ)
  • 100m Rücken: 51,44 - 858p
  • 100m Freistil: 48,83 - 779p (BZ)
  • 50m Freistil: 22,25 - 754p (BZ)
  • 200m Rücken: 1:57,49 - 726p

Bild: Hendrik Ulrich